• Neue IRC-Analyse zeigt dramatische Auswirkungen der durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten globalen Rezession
  • Zahl der Menschen, die in fragilen Kontexten akuten Hunger leiden, ist um 60 Prozent gestiegen
  • IRC fordert, Belange schutzbedürftiger Menschen im G20-Aktionsplan mitzuberücksichtigen
  • Staats- und Regierungschefs müssen sich beim kommenden Treffen in Saudi-Arabien verpflichten, mehr finanzielle Unterstützung für Menschen in Krisenkontexten zu leisten

Vor Beginn des G20-Gipfels in Saudi-Arabien warnt International Rescue Committee (IRC) vor einer ernsten Ernährungskrise für Menschen, die in fragilen Kontexten leben. Aufgrund der durch die COVID-19-Pandemie ausgelösten globalen Rezession, ist die Zahl derjenigen, die unter akutem Hunger leiden, um 60 Prozent gestiegen. Das hat eine neue Analyse von IRC ergeben. Das bedeutet: Rund 91 Millionen Menschen werden ohne Nahrungsmittelhilfe ihr Überleben nicht sichern können.

Mit den neuen Zahlen aktualisiert IRC Berechnungen, die im Juni im Rahmen des „Cost of Living“ Berichts veröffentlich wurden. Damals waren schätzungsweise 54 Millionen Menschen in ärmeren und von Krisen und Konflikten betroffenen Ländern infolge der vom Internationalen Währungsfonds (IWF) vorhergesagten globalen wirtschaftlichen Rezession von Hunger betroffen. Aufgrund neuer Wachstumsprognosen sowie einer im Oktober nach unten korrigierten Bruttoinlandsprognose zeichnet sich inzwischen jedoch eine weitaus schlimmere Situation ab.

Besonders Menschen, die in von Konflikten und Krisen betroffenen Ländern leben, bekommen die derzeitige Rezession schmerzhaft zu spüren: Diejenigen, die bereits ums Überleben kämpfen, leiden unter akutem Hunger. Andere müssen ihre Überlebensstrategien anpassen und dabei teilweise extreme Maßnahmen in Kauf nehmen.  Besonders besorgt ist IRC dabei über die Lage für Kinder in Staaten wie Jemen, Südsudan, der Demokratischen Republik Kongo und in Regionen im Nordosten Nigerias. Die Zahl derer, die an akuter Unterernährung leiden, ist von 47 auf 54 Millionen gestiegen.

Bereits jetzt sind Familien, die ihre Lebensgrundlage im Zuge der COVID-19-Pandemie verloren haben, gezwungen, ihre Kinder zur Arbeit zu schicken – statt zur Schule. Auch für Frauen und Mädchen hat sich die Situation verschärft. Eine vor kurzem von IRC durchgeführte Umfrage hat ergeben, dass Frauen und Mädchen in Zeiten wirtschaftlicher Not vermehrt Gewalt und Ausbeutung erfahren müssen – sowohl innerhalb als auch außerhalb des eigenen Haushalts.

An keinem anderen Ort wird diese Krise so deutlich wie in Jemen. Mehr als fünf Jahre gewaltsame Konflikte haben die Infrastruktur und landwirtschaftlichen Kapazitäten des Landes zerstört und die ohnehin schon schwache Wirtschaft zum Erliegen gebracht. Schon vor Beginn der Pandemie war die Wachstumsprognose für das Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2020 mit 2,0 Prozent sehr niedrig. Die jüngste, korrigierte Prognose liegt nun jedoch bei -5,0 Prozent – ganze 7 Prozentpunkte niedriger.

David Miliband, Präsident von International Rescue Committee (IRC), erklärt:

„Aufgrund von COVID-19 müssen Familien bereits jetzt unmögliche Entscheidungen treffen, um ihr Überleben zu sichern. Länder wie Jemen oder Afghanistan verfügen einfach nicht über die finanziellen Ressourcen, Systeme und die entsprechende Infrastruktur, um der Bedrohung durch die vom Virus verursachten Wirtschaftskrise standzuhalten. Allein in Jemen sind 80 Prozent der Bevölkerung – das sind 24 Millionen Menschen – auf humanitäre Hilfe angewiesen.“

„Deutschland hat bereits ein Beispiel gesetzt und weltweit zusätzliche Hilfe zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie geleistet. Dennoch läuft der Aktionsplan der G20 Gefahr, schutzbedürftige Menschen, die von Konflikten betroffen sind und deren Lebensgrundlagen aufgrund von Kontakt- und Reisebeschränkungen und den daraus resultierenden wirtschaftlichen Folgen unverhältnismäßig stark beeinträchtigt wurden, zu vergessen. Wenn Deutschland auf festgelegte Schritte zur Abmilderung der verheerenden Folgen des wirtschaftlichen Abschwungs in Krisenkontexten im G20-Aktionsplan zu COVID-19 drängt, kann es zu einer Verringerung des Hungers in den bedrohten Gemeinschaften beitragen.“

„Bislang hat die internationale Gemeinschaft weniger als die Hälfte der benötigten Mittel für eine angemessene humanitäre Hilfe in Jemen bereitgestellt. Angesichts der Zugangshindernisse für Hilfsorganisationen und massiver Verstöße gegen das Völkerrecht muss es mehr Engagement und Selbstverpflichtung zur Erfüllung der UN-Hilfspläne für 2020 und 2021 geben.“

Seit 2012 engagiert sich IRC in Jemen. Die andauernde Gewalt, die Auswirkungen der COVID-19-Pandemie sowie der beschränkte Zugang zu See- und Flughäfen erschweren den Einsatz erheblich. Dennoch gelingt es IRC, nach wie vor die besonders schutzbedürftigen Menschen in Jemen zu erreichen und ihnen lebensrettende medizinische Versorgung, wirtschaftliche Unterstützung, Programme zu Schutz und Teilhabe für Frauen und Mädchen sowie Aus- und Weiterbildung zur Verfügung zu stellen.