Hunger, Krieg und die Gefahr der Corona-Pandemie

  • Die Menschen in Jemen haben laut einer IRC-Umfrage mehr Angst vor Hunger als einer Ansteckung mit COVID-19. Bei ausbleibender Unterstützung haben mehr als fünf Millionen ab November nicht mehr ausreichend Nahrung.
  • Das Einkommen der Befragten ist seit Beginn der Pandemie um ein Drittel gesunken, die Lebenshaltungskosten sind stark gestiegen: Zucker und Öl kosten 25 Prozent mehr, Getreide 9 Prozent. Der jemenitische Rial verlor seit Dezember 2019 19% an Wert.
  • Derzeit gibt es in Jemen über 1.800 bestätigte COVID-19-Fälle. Mindestens 535 positiv getestete Menschen sind gestorben.
  • IRC fordert die Kriegsparteien nachdrücklich auf, den Krieg zu beenden und den humanitären Hilfsorganisationen ungehindert Zugang zu gewähren, damit angesichts der drohenden Hungerkrise und der COVID-19-Pandemie allen Menschen in Jemen geholfen werden kann.
Länderdaten
  • Bevölkerung: 28 Millionen
  • Vertriebene: 4,3 Millionen seit März 2015
  • Position im Index der menschlichen Entwicklung: 177 von 189
IRC vor Ort
  • Beginn der Aktivitäten: 2012

Überblick

Jemen liegt an der Südspitze der Arabischen Halbinsel. Das Land befindet sich seit fünf Jahren im Krieg. Es herrscht dort die weltweit größte humanitäre Krise. Mehr als eine viertel Million Zivilist*innen sind bislang aufgrund von Kampfhandlungen oder an Kriegsfolgen gestorben. Kritische Infrastruktur, darunter auch das Gesundheits- und Bildungswesen, ist weitgehend zerstört worden, wirtschaftliche Aktivitäten sind kaum noch möglich.

Wie ist die aktuelle Krise im Jemen entstanden?

2014 gingen Houthis, Angehörige der ethnischen Gruppe der Zaidi-Schiiten, eine Allianz mit dem ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh ein. Mit Unterstützung des Iran übernahmen sie anschließend die Kontrolle über die Regierung. Der damals amtierende Präsident Abdu Rabbu Mansour Hadi floh mit seinem Kabinett nach Saudi-Arabien. Im März 2015 starteten Saudi-Arabien und seine Verbündeten eine militärische Intervention in Jemen. Ziel war es, Präsident Hadi wieder an die Macht zu bringen. Seitdem herrscht ein erbittert geführter Krieg.

Die andauernden Kämpfe haben dramatische Auswirkungen auf das Leben der Zivilbevölkerung. Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Märkte, Straßen und andere öffentliche und zivile Einrichtungen werden wahllos angegriffen. Durch die Präsenz von ISIS und Al-Qaida verschlechtert sich die Lage weiter. Ende 2018 einigten sich die Konfliktparteien auf einen Waffenstillstand für die Hafenstadt Hodeidah. Die Vereinbarung wurde aber bald wieder gebrochen.

Was sind die größten humanitären Herausforderungen im Jemen?

24 Millionen Menschen, das sind mehr als 80% der Bevölkerung, sind hilfs- und schutzbedürftig. Davon sind 14,3 Millionen Menschen in akuter Not. Mehr als 20 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht. 7.4 Millionen Menschen, fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung, ist unterernährt – viele davon akut. Insgesamt 17,8 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und fast 20 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung. Immer wieder kommt es zu Ausbrüchen von Cholera. Die derzeitige Epidemie in Jemen ist die größte, die es weltweit je gab. Die lebensbedrohliche Krankheit trifft ganz besonders diejenigen Menschen, die bereits am meisten geschwächt sind, darunter viele unterernährte Kinder.

Die größte Herausforderung für humanitäre Helfer sind bürokratischer Natur – Vorgaben, die die Konfliktparteien durchsetzen und die den Hilfsorganisationen die Unterstützung für schutzbedürftige Menschen besonders erschweren. Dazu gehören Beschränkungen für Einfuhren überlebenswichtiger Güter wie zum Beispiel Medikamente, die Schließung wichtiger See- und Flughäfen sowie Auflagen für den Transport von Personal und humanitären Hilfslieferungen in und durch das Land.

Auch anhaltende Kämpfe verhindern, dass wichtige Hilfslieferungen zu den Menschen gelangen. Krankenhäuser haben kein Diesel, um Generatoren bei Stromausfällen zu betreiben und Krankenwagen fehlt das Benzin, die Bestände an Antibiotika und anderen wichtigen Medikamenten sind aufgebraucht. Bedürftige erhalten keine Lebensmittel oder andere notwenige Unterstützung.

Ohne eine diplomatische Lösung wird es nicht möglich sein, die Kämpfe und somit das Leiden der jemenitischen Bevölkerung zu beenden. Bereits vor dem Krieg war Jemen das ärmste Land der arabischen Welt. Der Krieg hat das Leben der Menschen dort noch weiter verschlechtert.

Wie hilft IRC im Jemen?

IRC ist seit 2012 in Jemen tätig. Seit 2015 hat IRC seine Programme ausgeweitet – unter anderem auch mit Unterstützung des Auswärtigen Amts. IRC hat 475 Mitarbeiter*innen sowie 740 weitere Helfer*innen im Land und engagiert sich insbesondere im Bereich Gesundheitsfürsorge, wirtschaftliche Integration, Bildung sowie Schutz und Stärkung von Frauen und Kindern. Der anhaltende Konflikt und die Schließung von Luft- und Seehäfen stellen die IRC-Mitarbeiter*innen vor große Herausforderungen. Der Zugang zu den betroffenen Bevölkerungsgruppen in den Einsatzgebieten konnte bislang jedoch aufrechterhalten werden. IRC arbeitet sowohl in den von der Hadi-Regierung kontrollierten Gebieten Aden, Abyan, Lahj, Al Dahle'e und Shabwa, Amanat Al Asima als auch im von Houthis kontrollierten Gebieten im Norden, in Sana'a und Hodeidah.

IRC hilft unter anderem

  • im Rahmen von Gesundheits-, Ernährungs-, Wasser- und Sanitärprogrammen für mehr als eine viertel Million Menschen
  • bei der Lieferung lebenswichtiger Medikamente und medizinischer Hilfsgüter an Krankenhäuser und Gesundheitszentren;
  • mit der Zahlung der Gehälter von Ärzten und Krankenschwestern;
  • dem Betreiben mobiler Kliniken, wo es keine anderen Gesundheitseinrichtungen gibt;
  • der Schulung des Gesundheitspersonals in der Behandlung von Cholera.

Im Rahmen politischer Kampagnenarbeit fordert IRC:

  • die Einrichtung eines humanitären Flugdienstes im Jemen;
  • einen sofortigen landesweiten Waffenstillstand;
  • den diplomatischen Einsatz politische Entscheidungsträger für einen dauerhaften Frieden.