Hunger, Krieg und die Gefahr der Corona-Pandemie

  • Jemen ist auf Platz 1 auf der IRC-Rangliste der größten Krisen 2021 - zum dritten Jahr in Folge.
  • 80% der 29 Millionen Menschen in Jemen sind auf Hilfeleistungen angewiesen.
  • Laut Expert*innen leiden 17.000 Menschen in Jemen an Nahrungsmittelknappheit.
Länderdaten
  • Bevölkerung: 29,8 Millionen
  • Binnenvertriebene: 3,6 Millionen
  • Position im Index der menschlichen Entwicklung: 179 von 189
IRC vor Ort
  • Beginn der Aktivitäten: 2012

Überblick

Jemen liegt an der Südspitze der Arabischen Halbinsel. Das Land befindet sich seit fünf Jahren im Krieg. Es herrscht dort die weltweit größte humanitäre Krise. Mehr als eine viertel Million Zivilist*innen sind bislang aufgrund von Kampfhandlungen oder an Kriegsfolgen gestorben. Kritische Infrastruktur, darunter auch das Gesundheits- und Bildungswesen, ist weitgehend zerstört worden, wirtschaftliche Aktivitäten sind kaum noch möglich.

Wie ist die aktuelle Krise im Jemen entstanden?

2014 gingen Houthis, Angehörige der ethnischen Gruppe der Zaidi-Schiiten, eine Allianz mit dem ehemaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh ein. Mit Unterstützung des Iran übernahmen sie anschließend die Kontrolle über die Regierung. Der damals amtierende Präsident Abdu Rabbu Mansour Hadi floh mit seinem Kabinett nach Saudi-Arabien. Im März 2015 starteten Saudi-Arabien und seine Verbündeten eine militärische Intervention in Jemen. Ziel war es, Präsident Hadi wieder an die Macht zu bringen. Seitdem herrscht ein erbittert geführter Krieg.

Die andauernden Kämpfe haben dramatische Auswirkungen auf das Leben der Zivilbevölkerung. Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Märkte, Straßen und andere öffentliche und zivile Einrichtungen werden wahllos angegriffen. Durch die Präsenz von ISIS und Al-Qaida verschlechtert sich die Lage weiter. Ende 2018 einigten sich die Konfliktparteien auf einen Waffenstillstand für die Hafenstadt Hodeidah. Die Vereinbarung wurde aber bald wieder gebrochen.

Was sind die größten humanitären Herausforderungen im Jemen?

24 Millionen Menschen, das sind mehr als 80% der Bevölkerung, sind hilfs- und schutzbedürftig. Davon sind 14,3 Millionen Menschen in akuter Not. Mehr als 20 Millionen Menschen sind von Hunger bedroht. 7,4 Millionen Menschen, fast ein Viertel der Gesamtbevölkerung, ist unterernährt – viele davon akut. Insgesamt 17,8 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser und fast 20 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung. 

Schon vor der aktuellen Krise war die Hungerkrise in Jemen einer der schlimmsten der Welt. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung hat keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die Zahl der Fälle von Gewalt und Diskriminierung gegenüber Frauen ist stark angestiegen.

Die größte Herausforderung für humanitäre Helfer*innen sind bürokratischer Natur – Vorgaben, die die Konfliktparteien durchsetzen und die den Hilfsorganisationen die Unterstützung für schutzbedürftige Menschen besonders erschweren. Dazu gehören Beschränkungen für Einfuhren überlebenswichtiger Güter wie zum Beispiel Medikamente, die Schließung wichtiger See- und Flughäfen sowie Auflagen für den Transport von Personal und humanitären Hilfslieferungen in und durch das Land.

Auch anhaltende Kämpfe verhindern, dass wichtige Hilfslieferungen zu den Menschen gelangen. Krankenhäuser haben kein Diesel, um Generatoren bei Stromausfällen zu betreiben und Krankenwagen fehlt das Benzin, die Bestände an Antibiotika und anderen wichtigen Medikamenten sind aufgebraucht. Bedürftige erhalten keine Lebensmittel oder andere notwenige Unterstützung.

Ohne eine diplomatische Lösung wird es nicht möglich sein, die Kämpfe und somit das Leiden der jemenitischen Bevölkerung zu beenden. Bereits vor dem Krieg war Jemen das ärmste Land der arabischen Welt. 

Durch die Coronapandemie gab es im Jahr 2020 einen massiven Einbruch der Finanzierung von humanitärer Hilfe, sodass sich die Situation noch weiter verschlechtert. Nahrungsmittelknappheit und Hunger betreffen immer mehr Menschen. Im Vergleich zum Anfang des Jahres 2020 mussten drei Millionen Jemenit*innen Ende 2020 ohne humanitäre Unterstützung auskommen.

Wie hilft IRC im Jemen?

IRC ist seit 2012 in Jemen tätig. Seit 2015 hat IRC seine Programme ausgeweitet – unter anderem auch mit Unterstützung des Auswärtigen Amts. IRC hat 475 Mitarbeiter*innen sowie 740 weitere Helfer*innen im Land und engagiert sich insbesondere im Bereich Gesundheitsfürsorge, wirtschaftliche Integration, Bildung sowie Schutz und Stärkung von Frauen und Kindern. Der anhaltende Konflikt und die Schließung von Luft- und Seehäfen stellen die IRC-Mitarbeiter*innen vor große Herausforderungen. Der Zugang zu den betroffenen Bevölkerungsgruppen in den Einsatzgebieten konnte bislang jedoch aufrechterhalten werden. IRC arbeitet sowohl in den von der Hadi-Regierung kontrollierten Gebieten Aden, Abyan, Lahj, Al Dahle'e und Shabwa, Amanat Al Asima als auch im von Houthis kontrollierten Gebieten im Norden, in Sana'a und Hodeidah.

Trotz den neuen Herausforderungen durch die Coronapandemie liefert IRC weiterhin wichtige medizinische Versorgung und Nahrung an Menschen, die durch Krieg vertrieben wurden oder die in schwer zu erreichenden Regionen leben. Außerdem bietet IRC schwangeren Frauen und jungen Müttern nötige medizinische Versorgung und unterstützt Frauen, die unter geschlechtsspezifischer Gewalt leiden.

IRC hilft unter anderem

  • im Rahmen von Gesundheits-, Ernährungs-, Wasser- und Sanitärprogrammen für mehr als eine viertel Million Menschen
  • bei der Lieferung lebenswichtiger Medikamente und medizinischer Hilfsgüter an Krankenhäuser und Gesundheitszentren;
  • mit der Zahlung der Gehälter von Ärzt*innen und Gesundheitspersonal
  • dem Betreiben mobiler Kliniken, wo es keine anderen Gesundheitseinrichtungen gibt;
  • der Schulung des Gesundheitspersonals in der Behandlung von Cholera
  • Verbesserung der Bildungschancen für Millionen von Kindern, die nicht zur Schule gehen können

Im Rahmen politischer Kampagnenarbeit fordert IRC:

  • die bessere Erreichbarkeit durch humanitäre Organisationen; offene Flug- und Seehäfen
  • einen sofortigen landesweiten Waffenstillstand;
  • den diplomatischen Einsatz politische Entscheidungsträger für einen dauerhaften Frieden.