Frauen und Mädchen sind, besonders in Krisengebieten, von Diskriminierung, Gewalt und mangelnder Chancengleichheit betroffen. Diese Ungerechtigkeiten bedrohen ihre Leben und hemmen ihre Entwicklungsmöglichkeiten. IRC arbeitet gemeinsam mit Frauen und Mädchen daran, strukturelle Benachteiligung zu überwinden, damit sie ihre eigene Zukunft gestalten und so ihr Umfeld stärken können.

Gleichberechtigung sichert Frieden

Doch die Geschlechterungleichheit, die Frauen und Mädchen unabhängig von Region und Kontext zurückhält, erschwert diese Vision von IRC. Eine echte Gleichberechtigung der Geschlechter ist eine zentrale Voraussetzung für den Wiederaufbau und eine nachhaltige Sicherung des Friedens.

Eine der sichtbarsten Ungerechtigkeiten ist die weltweit verbreitete Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Im Jahr 1996 gründete IRC als erste internationale Hilfsorganisation deshalb ein eigenes Team, das sich seitdem auf die Prävention und den Schutz von Überlebenden von geschlechtsspezifischer Gewalt fokussiert.

Historischer Schwerpunkt: Prävention geschlechtsspezifische Gewalt 

IRC war in den neunziger Jahren eine Vorreiterin der humanitären Gemeinschaft in Bezug auf Gewaltprävention gegen Frauen und Mädchen. Heute setzt sich eine Vielzahl an internationalen Initiativen gegen geschlechtsspezifische Gewalt ein – eine Gewalt, die sich weiterhin überwiegend gegen Frauen und Mädchen richtet.

Besonders bedrohlich ist die Situation in Krisengebieten: ein allgemeines Klima der Angst und Gewalt erhöht das Risiko von Frauen, Gewalt zu erfahren. Vergewaltigungen werden häufig als Kriegsmittel eingesetzt und Schutzmechanismen in Familien- und Gemeinschaften sind zerrüttet, so dass auch strukturelle und häusliche Gewalt an Frauen häufiger auftritt.

Einige Zahlen veranschaulichen das Ausmaß der Gewalt

Geschlechtsspezifische Gewalt manifestiert sich auf viele Arten, darunter Vergewaltigung, sexuelle Übergriffe, Gewalt durch Intimpartner*innen, frühe, kindliche und erzwungene Hochzeiten. Mehr Informationen zu diesen Zahlen finden Sie in unserem englischsprachigen Report.

90%

der Länder mit der höchsten Rate an Kinderehen sind in Krisengebieten.

Unter „Kinderheirat“ wird eine Ehe verstanden, in der mindestens einer der Eheleute noch keine 18 Jahre alt ist. Parallel dazu wird der Begriff „frühe Heirat“ verwendet.

73%

aller geschlechtsspezifischen Gewalt in Konfliktgebieten geht von den Lebenspartner*innen aus.

Für Frauen und Kinder in Krisengebieten ist geschlechtsspezifische Gewalt ein wichtiger Fluchtgrund.

20%

aller vertriebenen Frauen weltweit erleben sexualisierte Gewalt.

Der Begriff „sexualisierte Gewalt“ umfasst verschiedene Formen von Gewalt und Machtausübung, die mittels sexueller Handlungen zum Ausdruck gebracht werden.

Einsatz für Frauen und Mädchen weltweit

Über die Jahre hat IRC den Einsatz für benachteiligte Frauen und Mädchen weltweit intensiviert und ausgeweitet. Jedes Projekt der Organisation muss heute die Verbesserung der Situation von Frauen mit im Blick haben, egal welches der 32 allgemeinen IRC-Wirkungsziele erreicht werden soll.

Spürbare Verbesserungen in den Bereichen Gesundheit, Bildung, wirtschaftliche Unabhängigkeit und Selbstbestimmung
  • Verbesserung des Zugangs zu Gesundheitszentren und Bereitstellung dringend benötigter Dienste zu reproduktiver Gesundheit und zu Rechten (SRGR) für noch mehr Frauen und Mädchen
  • Entwicklung neuer Projekte, die jugendliche Mädchen dabei unterstützen, in der Schule zu bleiben und ihr Potenzial voll auszuschöpfen
  • Unterstützung von mehr Frauen durch wirtschaftliche Stärkung und Bargeldleistungen in Krisenfällen
  • Entwicklung und Einsatz neuer Methoden, mit denen Frauen und Mädchen aktiv an ihrem Umfeld teilhaben und gestärkt werden 

 

Forschung über Maßnahmen, mit denen Frauen und Mädchen gestärkt werden

Die Verbesserung der Situation von Frauen und Mädchen bildet heute in jedem Projekt von IRC einen Schwerpunkt.

Dank intensiver Evaluation und Forschung sammelt IRC eine Vielzahl an Daten über die Wirkungen, die bestimmte Projektmaßnahmen erzielen. Um möglichst vielen Frauen und Mädchen zu stärken, bringt die Organisation die neuesten Erkenntnisse nicht nur in die Gestaltung neuer Projekte ein, sondern teilt sie auch mit der internationalen humanitären Gemeinschaft. 

Gleichberechtigung auch in der eigenen Organisation

Um die Ungleichheiten zwischen Frauen und Männern wirklich zu beseitigen, fördert IRC strukturell die Gleichberechtigung der Geschlechter in der eigenen Organisation. Dazu gehören unter anderem Richtlinien für faire Bewerbungsprozesse und den Umgang mit den Mitarbeitenden:  

  • Betonung von Fähigkeiten und Kompetenzen anstelle von Forschungs- oder Arbeitserfahrung (was aktuell Männer bevorzugt) bereits bei der Ausschreibung von Arbeitsstellen
  • Verpflichtung, Mitarbeiter*innen weltweit gleich zu behandeln, zu unterstützen und zu fördern
  • Flexible Arbeitszeiten, die den Mitarbeiter*innen helfen, ihre beruflichen und privaten Verpflichtungen miteinander in Einklang zu bringen
    Hafiza aus Äthiopien

    Ich bringe meiner Gemeinde den Kampf gegen Gewalt an Frauen und Mädchen bei – um schlechtes Verhalten in gutes Verhalten zu verwandeln. Und ich erkläre den anderen Frauen und Sozialarbeiterinnen: Seid nicht still! Stille führt zu weiteren Vorfällen [...] Ich leuchte und die Gemeinde sieht mein Leuchten – das wird anderen Frauen helfen, ein Leben mit mehr Sicherheit zu führen.“

    Hafiza
    Sozialarbeiterin von IRC im Tongo-Flüchtlingslager in Äthiopien
    Die Geschichte von Hafiza

    Versagen der internationalen Gemeinschaft

    Um geschlechtsspezifische Gewalt erfolgreich anzugehen, müssen Regierungen und Zivilgesellschaft spezifische und kontextbezogene Dienste zur Verfügung stellen. Diese Form der Gewalt ist nicht nur ein Problem für die Sicherheit und den Schutz von Frauen und Mädchen. Sie behindert auch die Möglichkeiten von Überlebenden geschlechtsspezifischer Gewalt, Zugang zu Arbeit und Unterstützungsangeboten zu erhalten oder selbstbestimmt Entscheidungen zu treffen, die ihnen dabei helfen, mit traumatischen Erlebnissen angemessen umzugehen und die eigene Lebenssituation zu verbessern .

    Doch ein vor kurzem veröffentlichter Bericht von IRC und dem Think Tank „voice“ attestiert der internationalen Gemeinschaft ein Versagen: nur 0,12 Prozent aller Mittel für humanitäre Hilfe kommen dem Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt zugute. Viele Finanzierungsanträge werden gar nicht erst bewilligt.

    Warum ist IRC auf dem Weg, eine feministische Organisation zu werden?

    In seiner englischsprachigen Rede am Institut für Frauen, Frieden und Sicherheit der Universität Georgetown erklärte David Miliband, wie ein feministischer Ansatz in der humanitären Hilfe zur Gleichstellung der Geschlechter beitragen kann. 

    Ein Mann mit Megafon lacht, hinter ihm stehen viele Menschen.

    Wir können keine wirklich erfolgreiche Organisation sein, die sich daran misst, welche Verbesserungen wir im Leben der von uns unterstützten Menschen erreicht haben, solange wir keine feministische Organisation sind. Das heißt: Gleichberechtigung zwischen unseren Mitarbeitenden. Chancen und Hindernisse, die nichts mit dem Geschlecht zu tun haben. Und Verständnis für die Ungleichverteilung von Macht – und was getan werden muss, um diese zu beseitigen.“

    David Miliband
    CEO und Präsident von IRC
    Englischsprachige Rede von David Miliband zum feministischen Ansatz des International Rescue Committee lesen.

    IRC appelliert an die humanitäre Gemeinschaft, endlich wichtige Maßnahmen zu ergreifen:

    • Im Rahmen der UN-Nachhaltigkeitsziele muss der humanitäre Sektor klare Ziele für die Unterstützung von Frauen und Mädchen in Krisenzeiten festlegen.
    • Das Festlegen nicht verhandelbarer Standards in jedem Nothilfe-Einsatz. Darunter: die Anbringung von Schlössern an allen Toiletten und Latrinen, eine angemessenen Beleuchtung in Flüchtlingslagern, die Integration von mindestens fünf Prozent Frauen in die Streitkräfte von Friedenseinsätzen, Mindeststandards für sofortige Schutzmaßnahmen für Frauen und  Planung von weiteren Schritten, die innerhalb von 72 Stunden nach einem Notfall durchgeführt werden.
    • Die humanitäre Gemeinschaft muss Mitsprache und Führung durch Frauen zu einem Teil aller Projekte und deren Evaluierungen machen. Dabei sollten insbesondere diejenigen Frauen mitwirken, die in den Projekten unterstützt werden sollen.

    Dabei hat IRC selbst erkannt, dass die Organisation sich selbst auch wandeln muss, um die strukturellen Grundursachen von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Gewalt anzugehen. Dazu gehört ein feministischer Ansatz auch innerhalb der Organisation.