• Neue Daten von Lesbos, Chios und Samos, die IRC Psycholog*innen zwischen März 2018 und Oktober 2020 erhoben haben, zeigen, dass drei Viertel der Menschen, die von der Organisation auf den Inseln unterstützt werden, Symptome psychischer Erkrankungen zeigen
  • Von den 904 Personen, die von IRC auf den griechischen Inseln betreut wurden, zeigen 41% Symptome einer post-traumatischen Belastungsstörung, 35% berichten von Selbstmordgedanken, 18% von Versuchen, sich das Leben zu nehmen.
  • Unmittelbar nach dem ersten Lockdown verzeichnete IRC einen 71%-igen Anstieg von Personen, die über psychotische Symptome klagen, und einen 66%-igen Anstieg von Selbstverletzungen.

Ein neuer Bericht des International Rescue Committee (IRC) zeigt, wie die EU-Migrationspolitik zu einer psychischen Gesundheitskrise für Tausende von Asylsuchenden geführt hat, die auf den griechischen Inseln festsitzen.

Neue Daten des IRC-Programms für psychische Gesundheit auf Lesbos, Samos und Chios belegen die alarmierende Zahl von Menschen, die seit 2018 unter Selbstmordgedanken und Depressionen leiden: eine*r von drei hat Selbstmordgedanken und eine*r von fünf einen Selbstmordversuch unternommen, entweder vor der Ankunft in Griechenland oder während ihrer Zeit auf den Inseln.

Die Gründe für diese psychische Gesundheitskrise sind eindeutig. Fünf Jahre nach der Einrichtung von Aufnahmezentren, wie dem Lager Moria, auf Lesbos sind immer noch fast 15.000 Menschen in Griechenland gestrandet, unter oft gefährlichen Lebensbedingungen, ohne Zugang zu ausreichend Trinkwasser, sanitären Einrichtungen, angemessenen Unterkünften oder lebenswichtigen Dienstleistungen wie Gesundheitsversorgung, Bildung oder juristische Beratung.

Seit dem Ausbruch der COVID-19-Pandemie und nach dem ersten Lockdown im März verzeichnete IRC einen Anstieg der Zahl der Menschen mit psychotischen Symptomen um 71%. Zudem sind die für psychische Gesundheit verantwortlichen Teams über einen Anstieg der Selbstverletzungen um 66% besorgt. Die strengen Abstandsregelungen haben dazu geführt, dass die Menschen nicht mehr in der Lage sind, die Grenzen der Lager zu verlassen. Sie wurden auf noch kleinerem Raum untergebracht. Geflüchtete sind gezwungen, sich Wasserstellen und Toiletten zu teilen, was regelmäßiges Händewaschen erschwert und die Angst um ihre Gesundheit und ihr Wohlbefinden verstärkt.

Dimitra Kalogeropoulou, Direktorin des IRC Griechenland, sagt:

„Die psychische Gesundheit der Geflüchteten wurde in diesem Jahr durch die verheerenden Brände auf Lesbos und Samos, durch COVID und die damit verbundenen Lockdown-Maßnahmen sowie durch die Verlegung in ein neues provisorisches Aufnahmezentrum auf Lesbos, das noch keine sicheren Lebensbedingungen bietet, schwer beeinträchtigt. IRC-Psycholog*innen haben mir erzählt, wie die Menschen gezwungen werden, in den Lagern zu bleiben, in denen es schmutzig und gefährlich ist, in denen sie für Essen und Gemeinschaftstoiletten Schlange stehen müssen und in denen es kaum Platz für Hygiene und Abstand halten gibt.

„NGOs helfen weiterhin, die Lücken zu füllen, die durch die fehlende Unterstützung der EU und die griechische Regierung entstanden sind. Im November 2020 gab es in keinem der Lager eine*n Psychiater*in, während die von den NGOs angebotenen Dienste, die diese Versorgungslücke schließen sollen, deutlich überbelegt sind. IRC setzt sich weiterhin dafür ein, diese fehlende Hilfe zu leisten, aber es muss mehr getan werden, um sicherzustellen, dass die Menschen nicht von den Mechanismen, die sie unterstützen sollen, im Stich gelassen werden."

Imogen Sudbery, IRC-Direktorin for Policy & Advocay, sagt:

„Diese neuen Zahlen werfen ein Schlaglicht auf die sich verschlimmernde psychische Gesundheitskrise von 15.000 Menschen, die in den Aufnahmezentren auf den griechischen Inseln festsitzen. Ihr überwältigendes Gefühl der Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung lässt sich auf konkrete politische Entscheidungen und politische Versäumnisse sowohl auf nationaler griechischer als auch auf EU-Ebene zurückführen, die dazu geführt haben, dass die Menschen in überfüllten und unterversorgten Lagern ausharren. Wir sehen die humanen Folgen von fünf Jahren politischer Blockade in der Migrationspolitik.

Nach vielen Jahren der Verhandlungen ist klar, was sich ändern muss. Wir brauchen ein faires und vorhersehbares System, bei dem die EU-Mitgliedstaaten die Verantwortung für die Aufnahme von Neuankömmlingen teilen. Das individuelle Recht auf eine vollständige Prüfung des Asylantrags muss respektiert und garantiert werden, so dass die Menschen während dieses Prozesses in Sicherheit und Würde leben können.“

„Der EU-Pakt für Migration und Asyl bietet den politischen Entscheidungsträger*innen eine einmalige Gelegenheit, dieses gescheiterte System zu reparieren. Doch wieder einmal zeigt sich, dass die Mitgliedsstaaten Schwierigkeiten haben, sich auch nur auf die kleinsten Schritte für diese dringenden Reformen zu einigen. Schlimmer noch, es sieht so aus, als würden sie Fehler wiederholen, einschließlich der weiteren Verfestigung der Abschottungspolitik an Europas Grenzen, die zu mehr Lagern und mehr menschlichem Leid führen könnten, nicht zu weniger.“

„Wir rufen die EU und ihre Mitgliedsstaaten auf, diesen Moment zu nutzen, um endlich das gerechte, menschenwürdige System zu etablieren, das Europa dringend braucht, und der Grausamkeit der Ungewissheit ein endgültiges Ende zu setzen.“

IRC bietet seit 2016 psychologische Unterstützung für Geflüchtete in Griechenland an. Im Jahr 2018 begann IRC mit der Durchführung eines speziellen Programms für psychische Gesundheit auf Lesbos und veröffentlichte die Empfehlungen und Ergebnisse des Berichts „Unprotected, Unsupported, Uncertain“. Seitdem wurde das Programm auf die Inseln Samos und Chios ausgeweitet und Psycholog*innen haben über 900 Menschen betreut.