• 81 Prozent des befragten medizinischen Personals gaben an, dass einer ihrer Kolleg*innen oder Patient*innen bei einem Angriff verletzt oder getötet wurde.
  • 77 Prozent der Befragten haben im Durchschnitt vier Angriffe auf das Gesundheitswesen miterlebt – einige sogar bis zu 20 im Laufe des Kriegs.
  • 68 Prozent befanden sich in einer Gesundheitseinrichtung, als diese angegriffen wurde.
  • 59 Prozent der befragten Zivilisten waren direkt von einem Angriff auf eine Gesundheitseinrichtung betroffen.
  • 49 Prozent fürchten sich infolge der Angriffe davor, medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen. 
  • Acht von zehn geben an, während des Konflikts mindestens sechs Mal aus ihrem Zuhause geflohen zu sein – manche sogar 25 Mal.

Anlässlich des zehnten Jahrestags des Kriegs in Syrien veröffentlicht International Rescue Committee (IRC) einen neuen Bericht – gemeinsam mit den syrischen Partnerorganisationen Independent Doctors Association (IDA), Syrian American Medical Society (SAMS), Syrian Expatriates Medical Association (SEMA), Sustainable International Medical Relief Organization (SIMRO), Syria Relief and Development (SRD) und Union of Medical Care and Relief Organization (UOSSM).
Der Bericht zeigt die weitreichenden und verheerenden Auswirkungen eines Jahrzehnts systematischer Angriffe auf medizinische Einrichtungen für die syrische Zivilbevölkerung auf. Die Kapazitäten des syrischen Gesundheitssystems sind dadurch erheblich beeinträchtigt, gerade auch zur Bekämpfung der COVID-19-Pandemie.

Der Report „A Decade of Destruction: Attacks on Healthcare in Syria“ zeigt anhand erschreckender Augenzeugenberichte, wie Krankenhäuser im Laufe des zehn Jahre andauernden Kriegs von sicheren Orten gezielt in No-Go-Zonen verwandelt wurden, in denen syrische Zivilisten um ihr Leben fürchten.

„Ich hatte eine Freundin, die zur Behandlung ins Krankenhaus gehen wollte und ihre Kinder mitnahm. Dann wurde das Krankenhaus bombardiert und meine Freundin wurde getötet, zusammen mit einem ihrer Kinder. Sie war schwanger. Außerdem wurde die Neugeborenen-Intensivstation komplett zerstört. Die Inkubatoren wurden zerstört, sogar die Kinder in den Inkubatoren.“ Muna*, Mitarbeiterin in der psychosozialen Betreuung

Fast 60 Prozent der 237 von IRC und Partnerorganisationen befragten Menschen waren in den letzten zehn Jahren direkt von einem Angriff auf das Gesundheitswesen betroffen. Außerdem hatten

„Mein Haus wurde bombardiert, als ich schwanger war. Ich litt unter starken Blutungen und verlor mein erstes Kind. Ich konnte nicht in die Klinik gehen, weil ich Angst vor der Bombardierung hatte.“ Layla* aus Atareb, Aleppo

Umfragen unter Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens verdeutlichen, welche extremen Risiken sie eingehen, um die medizinische Versorgung aufrechtzuerhalten: 68 Prozent waren in einer Gesundheitseinrichtung, als diese angegriffen wurde. 81 Prozent gaben an, dass einer ihrer Kolleg*innen oder Patient*innen infolge eines Angriffs verletzt oder getötet wurde.

„Während einem dieser Angriffe war ich gerade im Operationssaal. Eine Bombe schlug ein paar Meter vom Gebäude entfernt ein. Das gesamte Personal, auch die Leute, die mit mir im Operationssaal waren, rannten in Sicherheit. Aber ich blieb, weil ich dabei war, einen Patienten zu operieren. Also habe ich diese Operation unter sehr hohem Druck durchgeführt. Ich war verängstigt, aber ich konnte meinen Patienten nicht allein lassen.“ Dr. Yamen*

Aufgrund dieser gezielten Angriffe fürchten viele Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens um ihr Leben und das ihrer Familien. Schätzungsweise 70 Prozent des medizinischen Personals haben das Land verlassen. Auf 10.000 syrische Zivilist*innen kommt nur noch ein Arzt oder eine Ärztin. Jede sechste Fachkraft im Gesundheitswesen gibt an, mindestens 80 Stunden pro Woche zu arbeiten, um diesen Mangel auszugleichen.

Die Daten zeigen auch das verheerende Ausmaß der Angriffe auf die Psyche der Menschen: 67 Prozent der 237 befragten Personen gaben an, dass ihre mentale Gesundheit unter den Angriffen gelitten hat. Bei den 74 befragten Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens lag dieser Wert sogar bei 74 Prozent.

Obwohl Gesundheitseinrichtungen und medizinisches Personal nach dem humanitären Völkerrecht besonderen Schutz genießen, hat die NGO Physicians for Human Rights 595 Angriffe auf die Gesundheitsversorgung in Syrien seit 2011 dokumentiert. IRC hat allein in den letzten zwei Jahren mindestens 24 Angriffe auf ihre eigenen Programme im Nordwesten Syriens verzeichnet. Infolge der Angriffe ist mehr als die Hälfte der syrischen Krankenhäuser nicht voll funktionsfähig. Das Land ist nicht darauf vorbereitet, 12 Millionen Syrer*innen zu versorgen, die jetzt medizinische Hilfe benötigen. Demzufolge ist Syrien auch nicht für die Bekämpfung der COVID-19-Pandemie gewappnet, die selbst die besten Gesundheitssysteme der Welt lahmlegt.

Der eingeschränkte Zugang humanitärer Hilfe über die Landesgrenzen erschwert die Versorgung syrischer Zivilist*innen zusätzlich. Der UN-Sicherheitsrat versäumte es, die einzige humanitäre Resolution zu erneuern, die während des zehnjährigen Syrienkriegs verabschiedet wurde. Nun steht  das medizinische Personal vor der immensen Herausforderung, mit noch weniger Vorräten und Ausrüstung zu arbeiten.

David Miliband, Präsident und CEO des IRC, sagt dazu:
„Zehn Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs ist Syrien zum Symbol für das ‚Zeitalter der Straflosigkeit‘ geworden: Kriegsvölkerrecht wird ignoriert. Angriffe auf die Gesundheitsversorgung verstoßen gegen Völkerrecht, gehen aber ohne Konsequenzen weiter. Die Zahl der COVID-Fälle ist im Januar diesen Jahres syrienweit auf alarmierende 41.406 gestiegen. Das entspricht einem mehr als fünffachen Anstieg allein in den letzten drei Monaten. Die Angriffe haben die Fähigkeit des Gesundheitssystems, die Pandemie zu bekämpfen, stark beeinträchtigt. Obwohl es bewiesen und anerkannt ist, dass diese Angriffe stattfinden – und zum Teil vorsätzlich durchgeführt werden – hat die internationale Gemeinschaft bisher nichts getan, um die Verantwortlichen zur Rechenschaft zu ziehen.

Die internationale Gemeinschaft hat die Wahl. Entweder sie bemüht sich, der syrischen Bevölkerung fortdauernden Zugang zu dringend benötigter humanitärer Hilfe zu gewähren, indem sie die grenzüberschreitende UN-Hilfe nach Syrien wieder genehmigt und sinnvolle Schritte einleitet, um die Verantwortlichen für die Angriffe auf das Gesundheitswesen zur Rechenschaft zu ziehen. Oder sie kann tatenlos zusehen, wie das Kriegsverhalten in Syrien zur Blaupause für künftige Kriege wird, in denen Gesetzlosigkeit und Brutalität wie im letzten Jahrzehnt nicht zur Ausnahme, sondern zur Norm werden.“

Über die Arbeit von IRC im Nordwesten Syriens
In Syrien leistet IRC seit 2012 humanitäre Hilfe. Im vergangenen Jahr haben IRC und Partnerorganisationen für die Gesundheitsversorgung, den Schutz und den Lebensunterhalt von über 900.000 Menschen im Land gesorgt. Im Nordwesten Syriens besuchten über 318.000 Patient*innen 17 von IRC und Partnerorganisationen betriebene Gesundheitseinrichtungen: zwei Krankenhäuser – darunter ein COVID-Isolationskrankenhaus –, zwei mobile Kliniken, zwölf Zentren für medizinische Grundversorgung und ein Zentrum für psychische Gesundheit. Zehn Krankwagen sind für IRC im Einsatz, davon fünf zur Bekämpfung von COVID-19, um Verdachtsfälle zu Testeinrichtungen zu transportieren und zur Behandlung in medizinische Einrichtungen zu bringen.

Zur Eindämmung der Pandemie implementiert IRC Infektions-, Präventions- und Kontrollmaßnahmen in den unterstützten Gesundheitseinrichtungen. IRC schult Personal dazu, wie es sich selbst und seine Patient*innen vor dem Virus schützen kann, und betreibt Aufklärungsarbeit über die Pandemie in den Gemeinden, indem die Organisation und ihre Partnerorganisationen tätig sind.

IRC bietet auch spezialisierte Betreuung für vulnerable Frauen und Mädchen, schwangere Frauen und ältere Menschen sowie psychosoziale Unterstützung an, um Kindern und ihren Familien zu helfen, emotionale Notlagen zu überwinden. Hier unterstützt u.a. seit 2019 das Auswärtige Amt – sowie im Bereich Ernährung, speziell von Kindern, v.a. im Nordosten und Nordwesten Syriens. Weiter hilft IRC Tausenden von Syrer*innen, ein Einkommen zu erzielen, indem es Soforthilfe in Form von Bargeld, Zuschüsse für Unternehmen und Schulungen bereitstellt.
 
Über IRC
International Rescue Committee (IRC) ist eine internationale Hilfsorganisation, die 1933 auf Anregung von Albert Einstein gegründet wurde. Seitdem unterstützt IRC Menschen, die vor politischen Krisen, Krieg, Verfolgung oder Naturkatastrophen fliehen müssen. In Deutschland ist IRC seit 2016 präsent. Mehr als 100 Mitarbeiter*innen engagieren sich hier inzwischen mit Unterstützung deutscher und europäischer Geber in Projekten für von Krisen betroffene Menschen weltweit. In Deutschland selbst führt IRC in allen Bundesländern Programme zur Integration schutzsuchender Menschen in den Bereichen Bildung, wirtschaftliche Integration sowie Schutz und Teilhabe durch.