• IRC-Studie zeigt, dass fragile und von Konflikten betroffene Staaten auf eine Ausbreitung des Coronavirus nicht vorbereitet sind
  • Studie betrachtet vor allem Situation in Flüchtlingslagern sowie in verschiedenen von Krisen betroffenen Staaten, darunter Südsudan, Syrien, Venezuela und Jemen

Unter dem Titel „COVID-19 in humanitären Krisen: eine doppelte Herausforderung“ hat International Rescue Committee (IRC) einen neuen Bericht veröffentlicht. Darin wird gezeigt, welch verheerende Auswirkung die weitere Verbreitung von COVID-19 auf fragile Staaten haben kann.

Syrien:

Im Nordosten des Landes gibt es nur 28 Intensivbetten und 11 Beatmungsgeräte für die Behandlung von COVID-19-Patient*innen. Im Nordwesten Syriens, insbesondere in Idlib, gibt es nur 105 Intensivbetten und 30 Beatmungsgeräte; fast alle sind bereits im Einsatz. In ganz Nordsyrien wurden allein im vergangenen Jahr 85 Gesundheitseinrichtungen durch gewaltsame Angriffe zerstört oder beschädigt. Es ist davon auszugehen, dass Akteure wie "Islamischer Staat" (IS) das Chaos für ihre Zwecke ausnutzen werden.

Jemen:

Nach fünf Jahren Krieg sind mehr als die Hälfte der jemenitischen Gesundheitseinrichtungen nicht mehr funktionsfähig. Rund 18 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu angemessener Hygiene, Wasser und sanitären Einrichtungen. Die Konfliktparteien einigten sich zwar auf einen Waffenstillstand, um Maßnahmen gegen eine Ausbreitung von COVID-19 zu ermöglichen. Gegen diesen wurde aber nur zwei Tage später wieder verstoßen. IRC warnt, dass auch andere Formen von Gewalt zugenommen haben, insbesondere Gewalt gegen Frauen.

Südsudan:

Weniger als die Hälfte der Gesundheitseinrichtungen des Landes sind einsatzbereit. Es gibt landesweit 24 Intensivbetten und vier Beatmungsgeräte. Humanitäre Hilfe ist aufgrund logistischer Hindernisse noch nie dagewesenen Ausmaßes eingeschränkt: Länder mit einer hohen Rate an Unterernährung – wie im Südsudan der Fall – könnten deshalb von einer Hungersnot bedroht sein.

Venezuela:

Mehr als die Hälfte der Ärzt*innen haben das Land aufgrund der anhaltenden Krise verlassen. In neun von zehn Krankenhäusern wird über eine mangelnde Versorgung mit Medikamenten und anderen kritischen Gütern geklagt. Es gibt 84 Intensivstationen für eine Bevölkerung von 32 Millionen Menschen. Aufgrund der geschlossenen Grenze zu Kolumbien drohen Millionen von Venezolaner*innen eine weitere Verschlechterung der Wirtschaftslage sowie zusätzliche Einschränkungen bei öffentlichen Dienstleistungen. Das könnte zu noch größerer politischer Instabilität führen.

Weitere Länder/Regionen, die extrem großen Herausforderungen gegenüberstehen:

David Miliband, Präsident und CEO des International Rescue Committee, sagt: „Die Analyse des IRC zeichnet ein düsteres Bild: Ausmaß, Schwere und Geschwindigkeit des Ausbruchs werden in Ländern, die von Konflikten und Krisen betroffen sind, noch verstärkt. Überall dort, wo die Gesundheitssysteme durch Krieg oder Armut ausgehöhlt wurden und wo schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen keine Präventionsmaßnahmen wie Händewaschen und körperliche Distanz ergreifen können, besteht die Gefahr einer Weiterverbreitung dieser Pandemie.“

„IRC weiß aus der Erfahrung mit anderen Epidemien wie zum Beispiel Ebola, dass es sich hier um einen doppelten und gleichermaßen besorgniserregenden Notfall handelt: Wir haben eine unmittelbare Bedrohung von Leib und Leben und darüber hinaus einen Dominoeffekt, der verheerende Auswirkungen auf Frieden und Sicherheit, politische und wirtschaftliche Stabilität hat.“

„Während die Welt mit den Auswirkungen von COVID-19 in den reichen Ländern kämpfe, so Miliband, vernachlässige sie die Bedürfnisse der besonders schutzbedürftigen Menschen und vervielfache damit die Bedrohung. „Diese Krise wird erst vorbei sein, wenn sie für alle vorbei ist. Die Geber müssen dringend eine flexible Finanzierung hinter die multilateralen Bemühungen der Vereinten Nationen stellen - ein guter erster Schritt ist der Global Humanitarian Response Plan (GHRP).“

„Um den Schwächsten zu helfen und sicherzustellen, dass Geflüchtete, Frauen und andere schutzbedürftige Gruppen nicht zurückbleiben, sollten mindestens 30% dieser Mittel an Nichtregierungsorganisationen gehen, die an vorderster Front arbeiten – so wie IRC. Sie sind bereits in den lokalen Gemeinschaften präsent und können so sicherzustellen, dass die Not nicht größer wird.“

„Sollten wir jetzt scheitern, werden nicht nur die besonders schutzbedürftigen Menschen den Preis für die Untätigkeit der internationalen Gemeinschaft zahlen. Die Folgen werden noch Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, auf der ganzen Welt zu spüren sein.“

Den vollständigen Bericht finden Sie hier.