Tausende Menschen sitzen bei Minusgraden in Bosnien und Herzegowina fest und viele andere sind gezwungen, den Winter in Behelfszelten in Griechenland zu überstehen. Um eine humanitäre Katastrophe zu vermeiden, fordert IRC die politischen Entscheidungsträger*innen dringend auf, diese Menschen in den Mittelpunkt ihrer Migrations- und Asylpolitik zu stellen. 

Im Winter können die Durchschnittstemperaturen auf dem Balkan bis auf -4°C sinken. in Bosnien und Herzegowina sind etwa 3.100 Menschen gezwungen, für sich selbst zu sorgen. Nach Angaben des Danish Refugee Council waren im Oktober 8 von 10 Menschen, die in den Kantonen Una Sana, Sarajevo und Tuzla festgesessen waren, tagelang ohne Nahrung. Seitdem haben sich die Bedingungen stetig verschlechtert. Nach dem Brand, der das provisorische Aufnahmezentrum in Lipa zerstörte, blieb den Bewohner*innen keine andere Wahl, als in verlassenen Häusern oder in Zelten auf schneebedecktem Boden Unterschlupf zu suchen. Die für das Zentrum Verantwortlichen kamen ihrer Pflicht, eine Neuunterbringung zu organisieren, nicht nach. Die Lage ist so prekär, dass allein im Jahr 2020 mindestens 21 Menschen in Bosnien und Herzegowina starben, die versuchten über die gefährliche Balkanroute in die EU zu gelangen.

Seit 2020 hat IRC zusammen mit lokalen Partnerorganisationen über 9.000 Lebensmittelpakete und mehr als 3.000 Hygienesets an Geflüchtete und Migrant*innen verteilt, die im Gebiet des Kantons Una-Sana übernachten und sichergestellt, dass die am meisten gefährdeten Personen Erste Hilfe und psychologische Unterstützung erhalten.

Imogen Sudbery, IRC-Direktorin für „Policy and Advocacy“ in Europa, sagt:

„Es ist inakzeptabel, dass Tausende unter solch unmenschlichen Bedingungen an den Grenzen Europas festgehalten werden. Die Regierung von Bosnien und Herzegowina muss Mindeststandards nach nationalem und internationalem Recht garantieren. IRC fordert sie auf, eine aktive Rolle bei der Aufnahme von Neuankömmlingen zu übernehmen, um sicherzustellen, dass die Menschen auf sichere und menschenwürdige Art und Weise im Einklang mit humanitären Standards behandelt werden.

„Als EU-Beitrittskandidat sollte Bosnien und Herzegowina die Grundwerte der Union - Achtung der Menschenwürde und der Menschenrechte, Gleichheit und Rechtsstaatlichkeit - hochhalten.“

„Die entsetzliche Situation in Bosnien und Herzegowina ist auch ein Zeugnis für die Fehler des EU-Migrationssystems. Sie ist das Ergebnis einer Politik, die es vorzieht, Menschen daran zu hindern, Europa zu erreichen, anstatt ihre Sicherheit, ihre Würde und ihr Wohlergehen zu gewährleisten.“

„Tausende von Menschen, die ohne Perspektive an den EU-Außengrenzen gestrandet sind, sehen einem weiteren harten Winter entgegen, ohne angemessenen Schutz oder Zugang zu den grundlegendsten Bedürfnissen. Ob in Bosnien und Herzegowina oder gefangen auf den griechischen Inseln, die politischen Entscheidungen und politischen Lücken der EU treiben die Menschen an den Rand des Abgrunds.“

„In beiden Fällen ist klar, dass die EU nicht nur die unmittelbare Notsituation bewältigen, sondern auch dringend auf langfristige Lösungen hinarbeiten muss. Die EU und ihre Mitgliedsstaaten müssen schnell einen robusten, unabhängigen Grenzüberwachungsmechanismus einführen, um Vorwürfe von gewalttätigen ‚Pushbacks‘ zu untersuchen. Sie müssen darauf hinarbeiten, die bestehenden Möglichkeiten Asylanträge zu stellen, zu erweitern und mehr sichere, legale Wege für Menschen zu eröffnen, die in Europa Schutz suchen. Sie müssen die Grausamkeit der Abschottung beenden und sich endlich auf ein humanes System zur Verantwortungsteilung und Solidarität bei der Umsiedlung von Neuankömmlingen aus den Mitgliedstaaten an der Grenze einigen.“

„Die bevorstehenden Verhandlungen über den Pakt für Migration und Asyl sind die perfekte Gelegenheit für die EU, mit gutem Beispiel voranzugehen - die schädlichsten Elemente ihres derzeitigen Systems abzuschaffen und durch humane und nachhaltige Alternativen zu ersetzen. Wenn das nicht gelingt, werden Tausende von Menschen, die Asyl suchen, in Bosnien und Herzegowina und darüber hinaus weiterhin unnötig leiden müssen.“

IRC begann im Februar 2020 vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie auf die Situation in Bosnien und Herzegowina zu reagieren. In Zusammenarbeit mit lokalen Partnern versorgte IRC Migrant*innen, die auf der Straße schliefen, mit Lebensmitteln und Hilfsgütern und stellte besonders gefährdeten Menschen Erste Hilfe, psychologische Unterstützung und Informationen über spezialisierte Dienste zur Verfügung.​​​​​​​