IRC-Präsident David Miliband und Deutschland Geschäftsführer Ralph Achenbach im Gespräch über Herausforderungen in der humanitären Hilfe sowie das relativ junge Engagement von IRC in Deutschland.

Ein Mann mit Anzug ist im Fokus des Bildes, man sieht außerdem eine Frau und einen Mann, mit denen er sich unterhält
Ralph Achenbach beim Einstein Humanitarian Dialog 2018 in Berlin
Foto: Tobias Koch

IRC Deutschland hat seine Arbeit Mitte 2016 aufgenommen. Warum war es wichtig, hier vor Ort zu sein und was haben Sie in den letzten 2,5 Jahren erreicht?

Miliband: Bereits in meinem Bewerbungsgespräch für den Job als IRC-Präsident vertrat ich die Meinung, IRC müsse nach Hause zurückkehren. Nach Hause, weil unser Gründungsvater Albert Einstein aus Deutschland in die USA geflohen war. Das fand ich aus drei Gründen wichtig: Erstens, Deutschland ist ein bedeutender humanitärer Akteur in Europa und global. Zweitens, Deutschland ist ein wichtiger Unterstützer des multilateralen Systems und der Prinzipien des humanitären Völkerrechts, denen unsere Arbeit weltweit folgt. Und drittens, Europa ist der Kontinent, dem Innovation, Reform und Wirkung der humanitären Hilfe besonders wichtig ist. Und man kann nicht an Europa denken, ohne an Deutschland zu denken. Deutschland ist für uns also existenziell.

Achenbach: Gut 80 Jahre nachdem Albert Einstein und hunderttausende weitere Menschen aus Deutschland fliehen mussten, flohen mehr Menschen als je zuvor nach Deutschland. Unsere Expertise aus mehr als acht Jahrzehnten Erfahrung in den Bereichen Flucht und Vertreibung wollte IRC in dieser außergewöhnlichen Situation auch in Deutschland einbringen. Wir möchten uns an den enormen Anstrengungen des deutschen Staats und der Zivilgesellschaft beteiligen, die Menschen aufzunehmen und ihnen zu helfen, hier eine neue Heimat zu finden. Im Geschäftsjahr 2018 erreichten wir in Deutschland gemeinsam mit sieben Partnerorganisationen mehr als 5.000 Geflüchtete. Und wir arbeiten daran, dies weiterauszubauen – im In- und Ausland.

Der Beginn des Engagements folgte auf die sogenannte „Flüchtlingskrise“. Aber was genau bedeutet dieser Begriff eigentlich?

Achenbach: Ich denke, der Begriff „Flüchtlingskrise“ ist unzutreffend. Eigentlich handelt es sich um eine Krise der Vertreibung – und unserer Werte. Heute sind weltweit mehr Menschen durch Krieg und gewaltsamen Konflikt aus ihren Häusern vertrieben als im Zweiten Weltkrieg. Dennoch bauen wir Mauern und verhindern damit, dass sie Schutz finden. Mauern nicht nur entlang der Landesgrenzen, sondern auch in unseren Köpfen und Herzen. Diese „Wertekrise“ und das Versagen von diplomatischen und politischen Prozessen in der Konfliktlösung stellt die eigentliche Krise dar und beunruhigt mich.

Trifft das Wort „Krise“ nicht eher für die Anrainerstaaten der Konfliktländer zu, die den allergrößten Teil der Geflüchteten aufnehmen und wirklich an ihre Kapazitätsgrenzen kommen?

Miliband: Ja, absolut. Eine Krise in einem instabilen und unsicheren Umfeld stellt uns vor andere Herausforderungen als eine Krise in einem stabilen, wohlhabenden Umfeld. Wir wissen, dass die große Mehrheit der Geflüchteten in armen und einkommensschwächeren Ländern landet, also eher in Bangladesch als in Deutschland. Wir müssen uns deutlich machen, dass die meisten Flüchtlinge weit weg sind und folglich der größte Teil der Hilfe im Ausland geleistet wird. Uns ist es deshalb wichtig, dass Länder wie Großbritannien, Deutschland und die USA ihrer Verantwortung gerecht werden und Hilfe nicht nur ins Ausland schicken, sondern über Resettlement-Programme besonders gefährdeten Menschen in ihren Ländern eine neue Perspektive bieten.

Diese Entwicklung zeigt, wie sehr sich die humanitäre Landschaft verändert hat. Was ist heute die größte Herausforderung für Hilfsorganisationen wie IRC?

Miliband: Dass die Menschen glauben, wir könnten nichts verändern. Wir müssen das Gefühl der Ohnmacht und Angst, dass die Probleme zu groß sind, überwinden. In der Praxis stehen wir vor verschiedenen Herausforderungen: dem Missbrauch des humanitären Völkerrechts, der Verweigerung überlebenswichtiger humanitärer Dienstleistungen, den Angriffen auf die Zivilbevölkerung im Krieg. Wir laufen Gefahr, dass Regierungen ausländische Hilfsleistungen in Zeiten der Sparpolitik als leichte Einnahmequelle betrachten. Wir sollten uns der moralischen Herausforderung stellen, dass Nächstenliebe zwar vor der eigenen Haustür beginnt, aber eben nicht dort endet. Die Redensart „all politics is local“ verleitet einige Politiker*innen, nur lokal zu denken. Das ist ein großer Fehler in einer Welt, in der alle voneinander abhängig sind. 

Achenbach: Zudem haben sich die Systeme und Strukturen der humanitären Hilfe noch nicht an die veränderten Bedürfnisse der Menschen angepasst, die von Krieg und Katastrophen betroffen sind. So hat sich die durchschnittliche Dauer von Vertreibung auf über zehn Jahre erhöht, während die Projektfinanzierung oft nur drei, sechs oder zwölf Monate läuft. Wir brauchen eine ganzheitliche Sicht auf humanitäre Hilfe und müssen anerkennen, dass Menschen länger vertrieben sind und entsprechend planen. Bereiche wie Bildung oder wirtschaftliche Unabhängigkeit sollten viel frühzeitiger und öfter in die Projektplanung einbezogen werden. So setzen wir das bei IRC bereits um. 

Die Arbeit von IRC hat einen besonderen Fokus auf Frauen und Kinder. Warum ist das so wichtig?

Achenbach: Frauen und Kinder machen die Mehrheit unserer Begünstigten aus, da sie durch Gewalt und Diskriminierung doppelt gefährdet sind. In dem Maße, in dem sie Opfer von doppelter Ungerechtigkeit werden, verdienen sie besondere Aufmerksamkeit. Wenn wir Frauen in der Gründung eigener Unternehmen fördern, unterstützen wir gleichzeitig den Kampf gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Wenn wir Frauen den Zugang zu medizinischer Versorgung sichern, stärken wir auch ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit.

Welche Rolle spielt Innovation in der humanitären Hilfe? 

Miliband: Auch wenn wir die historischen Prinzipien der humanitären Hilfe verteidigen, dürfen wir nicht in der Vergangenheit stecken bleiben. Die Welt verändert sich: Geflüchtete leben in Städten, nicht immer in Lagern. Anstelle von Sachgütern oder Dienstleistungen ist die relativ neue Hilfe in Form von Bargeldzahlungen deshalb in vielen Kontexten effizienter. So wird gleichzeitig die lokale Wirtschaft angekurbelt. Außerdem werden mobile Geräte und digitale Plattformen immer wichtiger: Geflüchtete suchen sich ihre Informationen heute zu einem Großteil im Internet, sie bleiben so in Kontakt mit Verwandten und Institutionen. Daher müssen auch wir unsere Arbeitsweise verändern, zugleich aber an den grundlegenden Praktiken und Prinzipien des humanitären Systems festhalten. 

Achenbach: Es gibt viele Beispiele von Airbel, unserem hauseigenen Forschungszentrum: Wir belegen, dass man die Unterstützung für unterernährte Kinder verbessern kann, indem man die Art und Weise der Versorgung verändert. Wir beweisen, dass wirtschaftliche Erfolge auch von den Investitionen in Frauen abhängen. Wir zeigen, dass in manchen Ländern eine datenbasierte Länderverteilung von Geflüchteten, welche u.a. Jobchancen berücksichtigt, die größte Chance für effektive Integration bieten kann. All dies sind Wege, mit denen wir den humanitären Sektor verändern wollen.

 

Lassen Sie uns von den Standards von morgen noch weiter nach vorne blicken: Was ist Ihre Vision für IRC?

Miliband: Wir wollen dazu beitragen, dass es nicht nur mehr Hilfe für Menschen in Krisensituationen gibt, sondern auch bessere Hilfe. Das wollen wir erreichen, indem wir mit Partnern aus Regierung, Zivilgesellschaft und Privatwirtschaft zusammenarbeiten. Indem wir Hilfsprojekte umsetzen, die direkt den besonders gefährdeten Menschen zu Gute kommen. Indem wir innovative, effektive und effiziente Maßnahmen entwickeln, erproben und skalieren.

Achenbach: In Deutschland hoffe ich, dass wir unsere Projekte zur Unterstützung der Schutzbedürftigen fortsetzen und ausbauen. Dass wir unsere Erfahrungen und unser Fachwissen mit mehr Partnern teilen. Dass wir helfen, die Lebensumstände möglichst vieler Menschen zu verbessern, und dass wir ein wichtiges Mitglied der deutschen humanitären Gemeinschaft sind. Und ich freue mich darauf, noch viele weitere Unterstützer*innen er für unsere Arbeit zu begeistern, ohne die wir den Schutzbedürftigsten nicht helfen könnten.

Die Fragen stellte Cathrine Schweikardt.