Die Wirtschaftskrise in Venezuela hat zur größten Vertreibung in der jüngsten Geschichte Lateinamerikas geführt. Nach Angaben der Vereinten Nationen haben 6,8 Millionen Menschen das Land verlassen - das sind mehr Menschen als aus jedem anderen Land, mit Ausnahme von Syrien und der Ukraine, geflohen sind. Erfahren Sie hier, was in Venezuela passiert.

Die humanitäre Krise in Venezuela wurde durch den wirtschaftlichen Abschwung ausgelöst, der 2014 begann und sich seither immer weiter verschärft hat. Ein Viertel der Bevölkerung ist auf Hilfe angewiesen.

Laborantin und frischgebackene Mutter Michel* wurde nach der Geburt ihres Kindes Nathan vom IRC unter anderem medizinisch versorgt.
Foto: Everado Esquivel/IRC

Da es in Venezuela keine schweren Konflikte gibt, unterschiedet sich das Land von den meisten Ländern auf IRCs Watchlist der größten Krisen - ein Beweis für die Schwere des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, der Millionen von Venezolaner*innen daran hindert, ihre grundlegendsten Bedürfnisse zu sichern. Das Gesundheitssystem des Landes ist zusammengebrochen und die Hyperinflation, kombiniert mit dem Mangel an lebenswichtigen Ressourcen wie Wasser, Treibstoff und Medikamenten, führt immer wieder zu sozialen Unruhen.

„Wenn man sich die Zahl der Menschen anschaut, die innerhalb des Landes hungern und die Millionen, die das Land verlassen haben, fällt [Venezuela] direkt hinter Syrien und die Ukraine zurück. Trotzdem bekommt es nicht dieselbe Art von finanziellen Mitteln, Aufmerksamkeit oder Hilfe", sagt Marianne Menjivar, IRC-Leiterin der Krisenhilfe in Venezuela.

Humanitäre Herausforderungen in 2022

Die Wirtschaftskrise treibt einen Großteil der Bevölkerung in die Not und viele weitere werden sich im Jahr 2022 für die Flucht entscheiden.

Die Hyperinflation hat die Preise für Lebensmittel und andere lebensnotwendige Güter in die Höhe getrieben. Wasser, Treibstoff und Medikamente sind knapp und Stromausfälle sind an der Tagesordnung. Gleichzeitig hat die COVID-19-Pandemie jegliches Wirtschaftswachstum, das zur Überwindung der Krise dringend erforderlich wäre, zum Erliegen gebracht. Angesichts der 7 Millionen Venezolaner*innen, die bereits humanitäre Hilfe benötigen und der fehlenden Anzeichen für eine wirtschaftliche Besserung wird die Zahl der Betroffenen wahrscheinlich weiter ansteigen.

Zu Beginn der Pandemie hatten Kolumbien und andere Nachbarländer die Grenzen geschlossen, um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern und damit vielen Venezolaner*innen den Zugang zu Hilfsleistungen oder Arbeitsmöglichkeiten verwehrt. Die Wiedereröffnung der kolumbianisch-venezolanischen Grenze könnte den Zugang der Venezolaner*innen zu lebensnotwendigen Gütern und Dienstleistungen wie Lebensmitteln und medizinischer Versorgung verbessern. Dies könnte jedoch auch einen erneuten Abwanderungsprozess der Venezolaner*innen auslösen.

COVID-19 trägt zu den wirtschaftlichen Herausforderungen bei und belastet das bereits geschwächte Gesundheitssystem.

Lateinamerika gehört zu den Regionen, die am stärksten von COVID-19 betroffen sind und obwohl Venezuela bei der Impfung seiner Bevölkerung größere Fortschritte gemacht hat als viele Länder der Watchlist, liegt es weit hinter Deutschland und anderen Ländern des globalen Nordens zurück. Infolgedessen wird die Pandemie weiterhin Auswirkungen auf die Wirtschaft und das Gesundheitssystem Venezuelas haben. Nach Prognosen des Internationalen Währungsfonds wird die Wirtschaft des Landes bis 2022 um weitere 3% schrumpfen und die Inflation und die Arbeitslosigkeit werden extrem hoch steigen. 

Die Wirtschaftskrise in Venezuela hatte auch schon lange vor der Pandemie zu einer Schwächung der öffentlichen Grundversorgung geführt: 30.000 Ärzt*innen haben das Land in den letzten zehn Jahren verlassen und ein Drittel der Krankenhäuser hat keinen Zugang zu Trinkwasser. Die Fähigkeit der Regierung, angemessen auf die Pandemie zu reagieren, sowohl durch Tests als auch durch Behandlungen, wurde stark beeinträchtigt.

Mit der Verschärfung der Wirtschaftskrise nimmt auch die Hungersituation zu.

Ein Drittel der Bevölkerung, 9,3 Millionen Menschen, war 2019 stark von Nahrungsmittelknappheit betroffen. Da in Venezuela häufig nur begrenzte oder gar keine Daten vorliegen, ist davon auszugehen, dass diese Zahl weiter ansteigt; 14 % aller Kinder unter 5 Jahren in Venezuela leiden an akuter Unterernährung; 57 % der schwangeren Frauen sind mangelernährt.

Nach der Ankunft in Kolumbien aus Venezuela brachte Cibel (mitte) ihre Tochter Diana zur Welt. Dabei wurde sie von einer IRC-Krankenschwester betreut. Gemeinsam mit ihrer Familie lebt sie in der Grenzstadt Cucuta.
Foto: Andreas Brenner/IRC

Aufgrund von beschränktem Zugang wird der Bedarf an humanitärer Hilfe trotz einiger positiver Anzeichen auch 2022 nicht gedeckt werden können.

ACAPS, ein unabhängiger Dienstleister für humanitäre Hilfe, stufte die Zugangsbeschränkungen in Venezuela für 2021 als „sehr hoch" ein. Es gibt jedoch einige Anzeichen für Fortschritte. Beispielsweise wurde ein neues Abkommen geschlossen, das es dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen ermöglicht, mit der Lieferung von Nahrungsmitteln innerhalb des Landes zu beginnen, sowie ein neues Verfahren für Hilfsorganisationen. Beide Schritte könnten eine erhebliche Ausweitung der humanitären Hilfe ermöglichen, sofern die Nothilfe ohne jegliche Einschränkungen durchgeführt werden kann.

Der Konflikt zwischen nicht-staatlichen bewaffneten Gruppen an der kolumbianisch-venezolanischen Grenze hat die humanitäre Krise verschärft und könnte die regionale Stabilität gefährden.

Die Auseinandersetzungen zwischen venezolanischen Streitkräften und bewaffneten Gruppen aus Kolumbien sowie zwischen bewaffneten nicht-staatlichen Gruppen um umstrittene Gebiete innerhalb Venezuelas haben im Jahr 2021 zugenommen. Die Gewalt hat Tausende von Menschen aus den Grenzgebieten Venezuelas - vor allem aus dem südwestlichen Bundesstaat Apure - nach Kolumbien vertrieben und könnte angesichts der wachsenden Spannungen zwischen Caracas und Bogotá weiter eskalieren.

Venezolaner*innen sind gezwungen ihre Heimat zu verlassen

Viele der über 6 Millionen Venezolaner*innen, die ihre Heimat verlassen haben, sind in Nachbarländer wie Kolumbien, Ecuador und Peru eingereist. Andere sind in der Hoffnung auf Asyl in den Vereinigten Staaten oder Mexiko nach Norden aufgebrochen.

In den Vereinigten Staaten: Das neue humanitäre Programm der Biden-Regierung ist für Venezolaner*innen ein willkommener Ansatz. Das Programm, das dem für Ukrainer*innen ähnelt, wird für bestimmte Venezolaner*innen angeboten, die einen Bürgen in den Vereinigten Staaten haben. 

Obwohl diese Änderung es den USA ermöglichen wird, einige schutzbedürftige Venezolaner*innen schnell zu registrieren, werden viele von ihnen im Rahmen der umstrittenen Titel-42-Politik der vorherigen Regierung weiterhin abgewiesen und nach Mexiko zurückgeschickt. Dies gilt auch für Venezolaner*innen, die keinen Bürgen haben, sowie für Asylsuchende, die aus Ländern wie Haiti und Honduras fliehen.

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In KolumbienMehr als 1,8 Millionen venezolanische Migrant*innen lebten bis Ende 2021 in Kolumbien. Darüber hinaus überquerten täglich Hunderttausende die Grenze an offiziellen Stellen, um Lebensmittel zu kaufen, lebenswichtige medizinische Hilfe zu erhalten und andere Dienstleistungen, die in Venezuela nicht zur Verfügung stehen.

Als die Grenze aufgrund der COVID-19-Pandemie geschlossen wurde, waren die Venezolaner*innen von diesen wichtigen Versorgungsleistungen ausgeschlossen. Diejenigen, die in dieser Zeit die Grenze überqueren wollten, mussten illegale Grenzübergänge, so genannte „Trochas", benutzen, die oft von illegalen kolumbianischen bewaffneten Gruppen oder dem organisierten Verbrechen kontrolliert werden. Diese verlangen von den Migrant*innen hohe Geldsummen und setzen sie der Gefahr von Rekrutierung, sexueller Gewalt und Raubüberfällen aus.

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Während sich Kolumbien von seinem eigenen bewaffneten Konflikt erholt, sind die Aufnahmekapazitäten überlastet. Das Land hat mehr als 2,5 Mal so viele Venezolaner*innen aufgenommen wie Deutschland Syrer*innen und das bei nur acht Prozent des deutschen BIP. Die Einkommensmöglichkeiten der Venezolaner*innen sind begrenzt und etwa die Hälfte lebt unterhalb der Armutsgrenze. 

In Ecuador, wo bis Dezember 2021 mehr als 400.000 venezolanische Migrant*innen ankamen, ist die Situation noch gravierender. Die Änderung der früheren Politik der offenen Tür, die durch COVID-19 ausgelöste Krise und die weit verbreitete Fremdenfeindlichkeit machen die Venezolaner*innen verletzlich und anfällig für Ausbeutung und Diskriminierung.

In Peru: Mehr als 1 Million Venezolaner*innen haben seit 2016 versucht, sich in Peru niederzulassen. Dort haben Grenzschließungen zur Eindämmung von COVID-19 und ein wirtschaftlicher Abschwung es ihnen extrem schwer gemacht, sich Grundbedürfnisse wie Nahrung und Unterkunft zu leisten. Viele leben in überfüllten Unterkünften oder auf der Straße.

Wie hilft IRC in Venezuela?

IRC unterstützt schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen innerhalb Venezuelas durch unsere Arbeit mit lokalen Partnerorganisationen und wir sind auch vor Ort, um Venezolaner*innen in Kolumbien, Ecuador und Peru zu helfen. Wir bieten Bargeldhilfe, Gesundheitsversorgung und Vorbeugung gegen Unterernährung und arbeiten an der Prävention und Bekämpfung von geschlechtsspezifischer Gewalt. Darüber hinaus schützen wir Kinder und Jugendliche mit psychosozialen Diensten und Bildungsmaßnahmen.

IRC bietet in Venezuela und in den Nachbarländern neben anderen medizinischen Leistungen auch die Betreuung von Müttern und ihren Neugeborenen an.
Foto: Everardo Esquivel/IRC

Außerdem haben wir InfoPa'lante (Teil des Projekts Global Signpost) ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine digitale Plattform, die Vertriebenen den Zugang zu Informationen über bürgerliche und gesetzliche Rechte, Beschäftigung, Gesundheitsversorgung und COVID-19 bietet.

Wir tragen auch zur COVID-19-Maßnahme in Venezuela bei, indem wir mobile Kliniken unterstützen und persönliche Schutzausrüstung für Ärzt*innen und Krankenpfleger*innen bereitstellen.

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Wie kann ich Menschen in Venezuela helfen?

Spenden Sie jetzt, um die lebenswichtigen Hilfsmaßnahmen des IRC in Venezuela und weltweit zu unterstützen. Wir sind an vorderster Front, um den von der Krise betroffenen Menschen in mehr als 40 Ländern zu helfen, darunter auch in Ländern, die auf der Emergency Watchlist 2022 stehen.

Erfahren Sie mehr über die größten Krisen der Welt

Neben Venezuela hat IRC auch Haiti und Honduras als die Länder in Lateinamerika und der Karibik eingestuft, die im Jahr 2022 am stärksten von einer Verschärfung der humanitären Krise bedroht sind.

Lesen Sie mehr über die 10 größten Krisen, bei der die Welt nicht wegsehen darf und erfahren Sie, wie IRC diese Länder ausgewählt hat. Laden Sie den vollständigen Bericht der Emergency Watchlist 2022 herunter für genau Angaben aller 20 Krisenländer auf unserer Liste.