Die Situation im Mai 2021

Afghanistan rangiert auf Platz 2 der IRC-Rangliste der größten Krisen 2021, da das Land mit Konflikten, COVID-19 und dem Klimawandel konfrontiert ist. Wir haben die Fakten zur humanitären Notlage im Land zusammengetragen.

Nach vier Jahrzehnten des Konflikts und wirtschaftlichen Schwierigkeitenmuss sich die afghanische Bevölkerung den Auswirkungen der globalen Pandemie und Naturkatastrophen stellen. Die Zahl an Menschen, die auf humanitäre Hilfe angewiesen ist, hat sich 2021 im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt

Da die Friedensgespräche zwischen der Regierung und den Taliban keine Fortschritte machen, sind die Afghan*innen weiterhin mit Gewalt konfrontiert.Viele fliehen auf der Suche nach Sicherheit aus ihren Heimatorten. Inmitten dieser Unbeständigkeit sind Frauen und Mädchen auch einem größeren Risiko in Bezug auf häusliche Gewalt ausgesetzt.

Wenn Familien sich nicht versorgen können, sehen wir einen Anstieg der Gewalt gegen die schwächsten Familienmitglieder, sagt Vicki Aken, IRC-Landesdirektorin in Afghanistan. Das zwingt viele – darunter auch Kinder - dazu, ihr Leben zu riskieren um anderswo ein sichereres, besseres Leben zu suchen. Eine friedliche Beilegung des anhaltenden Konflikts ist die einzige nachhaltige Lösung, um das Leid in Afghanistan zu lindern.

HumanitärRisiken im Jahr 2021

Hier sind fünf Gründe, warum Afghanistan im Jahr 2021 eines der am meisten von einer humanitären Katastrophe bedrohten Länder ist:

Die politische Unsicherheit erhöht das Konfliktpotential zwischen den Taliban und den afghanischen Regierungstruppen.

Während die Frist für den Abzug der US-Truppen im Mai abläuft, sind die Friedensgespräche zwischen den Taliban und der afghanischen Regierung nach wie vor festgefahren. Dadurch sind Millionen Afghan*innen weiterhin von Gewalt und Vertreibung bedroht. Allein die Kämpfe Ende 2020 haben 35.000 Menschen aus ihren Häusern vertrieben. Sie deuten auf eine weitere Eskalation des Konflikts hin.

Zivilist*innen und humanitäre Helfer*innentragen die Hauptlast des Konflikts.

Afghanistan ist nach wie vor eines der gefährlichsten Länder der Welt für die Zivilbevölkerung und Mitarbeitende von Hilfsorganisationen. Während die Gesamtzahl der Todesfälle im Jahr 2020 aufgrund des Abkommens zwischen den USA und den Taliban zurückging, stieg die Zahl getöteter Zivilist*innen im Konflikt.

Dunya schaut in die Kamera.
Der andauernde Konflikt erschwert vielen Afghan*innen den Zugang zu Gesundheitsversorgung. Dunya Gul, 35, eine Witwe aus Kandihar, konnte mit Unterstützung von IRC einen Arzt aufsuchen und Medikamente erhalten.
Foto: Stefanie Glinski/IRC

Im Jahr 2020 zwang der Konflikt 38 Gesundheitseinrichtungen zur Schließung, was es vielen Afghan*innen erschwerte, während der COVID-19-Pandemie lebensrettende medizinische Versorgung zu erhalten und Helfer*innen daran hinderte, die erhöhten humanitären Bedarfe zu decken.

COVID-19 hat Armut und Ernährungsunsicherheit verschärft

Die Pandemie erschwert die Lebensbedingungen für im In- und Ausland lebende Afghan*innen. 2020 kehrten 50 % mehr afghanische Geflüchtete in ihre Heimat zurück als 2019. Über 868.000 von ihnen taten das aufgrund von Lockdown-Maßnahmen in Nachbarländern, wo sie Schutz gesucht hatten. Innerhalb Afghanistans sahen 59 % der Haushalte einen Rückgang ihres Einkommens.

Babona sitzt vor einem Kochtopf.
Babona und ihr Ehemann Abdul Haq, 67, wurden durch eine schwere Dürre im Bezirk Abkamari in Afghanistan vertrieben. Mit der Bargeldhilfe von IRC haben sie Lebensmittel und Kochutensilien gekauft.

Foto: Stefanie Glinski/IRC

Mit dem Fortschreiten der Pandemie sind weitere 6 Millionen Afghan*innen von Armut bedroht.Laut Prognosen könnten 42 % dieser Menschen 2021 von Ernährungsunsicherheit betroffen sein.

Frauen in Afghanistan sind überproportional von Krisen betroffen.

Berichte über frühe und kindliche Hochzeiten sowie Gewalt gegen Frauen haben im Laufe des Konflikts zugenommen. Besorgniserregend ist, dass Afghaninnen weiterhin von bewaffneten Gruppen angegriffen werden und Gewalttaten - wie der Angriff auf eine Geburtsstation im Jahr 2019 - eine allgegenwärtige Bedrohung darstellen. Laut einer IRC-Umfrage erschweren auch kulturelle Barrieren Frauen den Zugang zu Gesundheitsdiensten und Arbeitsplätzen, wodurch sie unverhältnismäßig stark von COVID-19 betroffen sind. Obwohl wichtige Fortschritte bei der Gleichberechtigung von Frauen gemacht wurden, besteht im Fall des ein Andauerns der Pandemie und des Konflikts die Gefahr von Rückschritten.

Ein Mädchen steht in einer Gruppe anderer Kinder und schaut zur Lehrerin.
IRC bietet sichere Lernräume für Kinder in ländlichen Gebieten und unterstützt Familien in Afghanistan, die von gewaltsamen Konflikten und Naturkatastrophen betroffen sind.

Foto: Stefanie Glinski/IRC

Immer häufiger auftretende Naturkatastrophen vergrößern den Bedarf an humanitärer Hilfe.

Naturkatastrophen und extreme Wetterbedingungen sind eine besondere Herausforderung in Afghanistan und häufen sich durch den Klimawandel. Das Land gehört zu den 10 am stärksten durch die Erderwärmung gefährdeten Länder der Welt.

Mehr als 1 Million Menschen sind aufgrund von Naturkatastrophen auf der Flucht.Im Jahr 2020 traten diese in der Hälfte der Distrikte in Afghanistan auf und bedrohten jeweilsdie Lebensgrundlagen von über 110.000. Die drohende Dürre in diesem Jahr könnte zu weiteren Vertreibungen und Hunger führen. Bereits jetzt sind 42 % der Bevölkerung von Ernährungsunsicherheit betroffen.

Ein Landwirt arbeitet auf einem Feld in Afghanistan.
Dürre führt in weiten Teilen Afghanistans zu Hunger. Der Landwirt Abdul Baqi, 30, ist einer von vielen Afghanen, die Bargeldhilfen von IRC erhalten haben.

Foto: Stefanie Glinski/IRC

Zusätzliche Einblicke in die Krise in Afghanistan und IRC-Empfehlungen für die internationale Reaktion finden Sie in unserem Bericht Emergency Watchlist 2021.

IRC-Einsatz in Afghanistan

International Rescue Committee ist seit 1988 in Afghanistan vor Ort und erreicht jedes Jahr über 1 Million Menschen mit Nothilfe- und Wiederaufbauprogrammen. Auch unter der Taliban-Herrschaft haben wir die Bevölkerung unterstützt und unsere Projekte zur Gemeindeentwicklung nach dem Sturz der Taliban ausgeweitet. Dadurch hat sich IRC zu einer der führenden Organisationen für den Schutz und die Stärkung von Frauen im Land entwickelt.

Sohalia steht vor eine Handwaschstation in Afghanistan.
IRC-Hygienebeauftragte Sohalia Khaliqi klärt Menschen in der afghanischen Provinz Herat über COVID-19 auf und demonstriert, wie sie sich und ihre Angehörigen vor dem Virus schützen können.

Foto: IRC

Während Afghanistan damit kämpft, sich von der Coronavirus-Pandemie und anderen Gesundheitskrisen zu erholen, unterstützt IRC über 100 Gesundheitseinrichtungen, installiert Handwaschstationen in den Gemeinden und bietet Informations- und Schulungsveranstaltungen zu COVID-19 an.

Mehr Informationen zu unserer Arbeit in Afghanistan.

2021 Emergency Watchlist

Die jährliche Emergency Watchlist ist eine Rangliste humanitärer Krisen, bei denen IRC eine deutliche Verschlechterung im Laufe des kommenden Jahres erwartet. Lesen Sie mehr über die zehn Länder mit den größten Krisen 2021 und laden Sie den Bericht Emergency Watchlist 2021 herunter.