Nach über sechs Monaten Gewalt ist ein Ende des Krieges in der Ukraine nicht in Sicht. Millionen Menschen können nicht nach Hause zurückkehren. Viele, die sich noch im Land befinden, haben keinen Zugang zu Nahrung, Wasser, Gesundheitsvorsorge und anderen lebenswichtigen Gütern.

Dies ist keine isolierte Krise – die Blockade der ukrainischen Getreideexporte hat den Hunger in einigen der am stärksten gefährdeten Regionen der Welt verschlimmert. Auch wenn internationale Bemühungen dazu beigetragen haben, dass Getreide wieder aus der Ukraine exportiert werden kann, ist die Lage nach wie vor dramatisch. In Ostafrika beispielsweise führt eine verheerende Kombination aus anhaltender Dürre, Blockade von Getreidelieferungen und wirtschaftlichem Niedergang infolge des Krieges zu einem extremen Anstieg von Hunger.

Wie sieht das Leben in der Ukraine aus?

Der anhaltende Konflikt in der Ukraine setzt den Menschen schwer zu. Millionen haben keinen Zugang zu Nahrung, Wasser und anderen lebenswichtigen Gütern. Unschuldige Menschen wurden auf grausame Weise in den Konflikt hineingezogen. Seit dem 24. Februar starben 5.500 Zivilist*innen und 13.000 wurden verletzt.

Geflüchtete am Grenzübergang
Seit Februar 2022 sind mehr als 7,6 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen. Die meisten von ihnen sind Frauen und Kinder.
Foto: Francesco Pistilli für IRC

Schäden an der zivilen Infrastruktur, einschließlich Krankenhäusern und Schulen sind katastrophal. In der Ostukraine, wo die Kampfhandlungen am heftigsten sind, sind viele Ortschaften von der Stromversorgung abgeschnitten. Sie haben keinen Zugang zu Nahrungsmitteln, Wasser oder medizinischer Versorgung. Da die kalten Wintermonate in der Ukraine bevorstehen, suchen Familien Schutz in beschädigten Gebäuden, die für plötzliche Temperaturstürze oder starken Schneefall nicht geeignet sind.

Noch immer fliehen Menschen auf der Suche nach Schutz. Über 7 Millionen sind allein innerhalb des Landes auf der Flucht.

Mitte Oktober hat sich die Sicherheitslage im ganzen Land dramatisch verschlechtert. Zahlreiche Menschen wurden erneut Opfer von Gewalthandlungen, die auch zu erheblichen Schäden an der Infrastruktur führte. Mitarbeiter von International Rescue Committee (IRC) waren gezwungen, ihre Arbeit vorübergehend einzustellen und sich vor der Gewalt in Sicherheit zu bringen.

Kämpfe in der Nähe des Atomkraftwerkes in Saporischschja

Besorgniserregend waren für Staats- und Regierungsschefs in letzter Zeit vorallem Kämpfe in der Nähe des ukrainischen Atomkraftwerks in Saporischschja, das weiterhin unter Kontrolle russischer Streitkräfte steht. Das Kraftwerk in Saporischschja ist Europas größte Nuklearanlage. Die jüngsten Angriffe auf die nahe gelegene Stadt Nikopol wecken die Sorge, dass der Krieg das Kernkraftwerk beschädigen könnte. Eine Störung in Saporischschja könnte zur Freisetzung radioaktiver Strahlung führen, welche sich auf große Teile Europas ausbreiten könnte.

Eine Mutter sitzt mit ihrem Sohn, ihrer Tochter und der Katze der Familie zusammen.
Maxims Familie blieb so lange wie möglich in der Ukraine, damit seine jüngere Schwester ihre medizinische Behandlung fortsetzen konnte. Sie waren gezwungen zu fliehen, als ihr Krankenhaus mit Kriegsverletzten überfüllt war.
Foto: Andrew Oberstadt für IRC

Wie sieht das Leben der Menschen aus, die der Krieg in der Ukraine vertrieben hat?

Der Krieg in der Ukraine hat die am schnellsten anwachsende Fluchtbewegung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Die Mehrheit der Vertriebenen sind Frauen und Kinder, die in Krisenzeiten am häufigsten von Ausbeutung und Missbrauch bedroht sind.

Wie viele Geflüchtete aus der Ukraine gibt es?

Im Oktober 2022 waren in ganz Europa über 7,6 Millionen Geflüchtete aus der Ukraine registriert.

Zwei Schwestern stehen zusammen auf einem Parkplatz und haben jeweils ihre zwei Kinder dabei.
Marta und Oksana sind zwei Schwestern aus der Ukraine. Als der Krieg ausbrach, flohen sie zusammen mit ihren Kindern und dem was sie tragen konnten, nach Polen. Die Schwestern sind dankbar für die Hilfe von Freiwilligen, die sie willkommen hießen.
Foto: Andrew Oberstadt für IRC

Wo haben die meisten Geflüchteten aus der Ukraine Schutz gefunden?

Geflüchtete aus der Ukraine finden vor allem in den Nachbarländern Schutz. Polen gewährt über 1,2 Millionen Menschen Schutz. Andere Nachbarländer wie Ungarn, Rumänien, die Slowakei und Moldawien haben jeweils Zehntausende Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen.

Wie sieht das Leben geflüchteter Frauen und Kinder aus?

Krisen verschärfen bestehende Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern, auch geschlechtsspezifische Gewalt nimmt zu. Frauen auf der Flucht haben oft Schwierigkeiten, Zugang zu wichtiger Gesundheitsfürsorge wie prä- und postnatale Betreuung zu erhalten. Diese Dienste sind in Krisen oft nur sehr eingeschränkt verfügbar.

Kinder, die aus der Ukraine fliehen müssen, werden aus ihrem sicheren Umfeld gerissen, ihre Ausbildung wird unterbrochen und in einigen Fällen werden sie sogar von ihren Familien getrennt.

Eine Mutter mit ihrer kleinen Tochter und ein Hund daneben.
Maria wartet mit ihrer Tochter Daryna und ihrem Hund Tyson auf die Weiterreise. „Es war Zeit zu gehen. Ich habe mir auch Sorgen um mein Kind gemacht. Ich möchte, dass sie in Sicherheit ist und keine Bomben auf uns fallen“, sagt Maria
Foto: Andrew Oberstadt für IRC

Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf den Rest der Welt?

Der Krieg in der Ukraine hat dramatische Auswirkungen für die Menschen im Land und Vertriebene, aber auch für globale Märkte und die weltweite Nahrungsmittelversorgung. Weil die Ukraine in den ersten fünf Kriegsmonaten kein Getreide exportieren konnte, hat sich der globale Hunger massiv verschärft – mit katastrophalen Folgen für die ganze Welt.

Warum ist Getreide aus der Ukraine so wichtig?

Die Ukraine ist seit jeher ein großer Exporteur von Getreide. Im vergangenen Jahr ernährte das Getreide aus der Ukraine 400 Millionen Menschen auf der ganzen Welt. In den ersten fünf Monaten war die Ukraine jedoch nicht in der Lage, ihr Getreide über wichtige Schiffsrouten durch das Schwarze Meer zu exportieren.

Länder, die auf dieses Getreide angewiesen sind, haben folglich darunter gelitten. Mehrere Länder im Nahen Osten sowie auf dem afrikanischen Kontinent waren bereits aufgrund von Konflikten und Klimawandel von Hunger betroffen. Der Krieg in der Ukraine hat die Nahrungsmittelknappheit und den Hunger noch verschärft.

Welche Länder sind vom Krieg in der Ukraine betroffen?

Die globalen Auswirkungen des Krieges haben katastrophale Folgen für andere Länder, die bereits mit Konflikten und Krisen kämpfen.

„Sechs Monate Krieg haben einen schrecklichen Tribut gefordert – nicht nur für die ukrainische Bevölkerung, sondern für Menschen auf der ganzen Welt“, sagte David Miliband, Präsident von IRC. „Unsere Klient*innen haben mit den verheerenden globalen Auswirkungen zu kämpfen – von Ostafrika über den Sahel und den Nahen Osten bis nach Mittelamerika.“

Eine Mutter und ihre beiden Kinder sitzen um einen Teller mit Kräutern.
Swasan ist die Hauptverdienerin ihrer Familie. Sie musste aus ihrer Heimat Aleppo, in Syrien, fliehen. Steigende Nahrungsmittelpreise erschweren es Swasan zunehmend, sich und ihre Familie ausreichend zu versorgen.
Foto: Abdullah Hammam

Auch in der Sahelregion sind bis zu 18 Millionen Menschen von Hunger betroffen. Seit 2014 registriert die internationale Gemeinschaft in der Region eine akute Ernährungskrise.

Im Nahen Osten sind seit Ausbruch des Krieges Preise für Weizen und Treibstoff enorm gestiegen. Am härtesten davon betroffen sind syrische Geflüchtete. Ihre begrenzten Einkommen reichen bei weitem nicht aus, um die hohen Ausgaben zu decken.

In Mittelamerika liegen die Preise für Grundnahrungsmittel weit über dem Fünfjahresdurchschnitt. Infolge politischer Instabilität, Unsicherheit und dem Klimawandel sind 13 Millionen Menschen in der Region von zunehmendem Hunger bedroht.

Ein IRC-Arzt behandelt ein einjähriges Mädchen, das auf dem Schoß seiner Mutter sitzt.
Dr. Sila, Gesundheitsmanagerin bei IRC, untersucht die 1-jährige Vanessa im Kakuma-Flüchtlingslager in Kenia auf Anzeichen von Mangelernährung. Der Krieg in der Ukraine hat den Hunger in Kenia infolge eingeschränkter Nahrungsmittelimporte verschärft.
Foto: Patrick Meinhardt für IRC

Ostafrika steht am Rande einer Hungersnot. Die Region wird von einer schweren Dürre heimgesucht und die Nahrungsmittelversorgung ist durch den Krieg in der Ukraine unterbrochen. Über 14 Millionen Menschen in Somalia, Äthiopien und Kenia sind vom Hungertod bedroht – etwa die Hälfte davon sind Kinder. Die Zahl der Hungernden könnte auf 20 Millionen ansteigen, wenn die Weltgemeinschaft nicht dringend handelt.

Was versteht man unter dem Getreide-Deal in der Ukraine?

Anfang des Monats schlossen die Ukraine und Russland getrennte Abkommen, die der Ukraine den Weg zur Wiederaufnahme der Getreideexporte ebneten. IRC begrüßte die Ankündigung, dass die erste Getreidelieferung im Rahmen des Abkommens Anfang August den Hafen von Odessa verlassen hat. Dies war ein wichtiger erster Schritt, um die Nahrungsmittelknappheit und die Hungerkrise in den Importländern zu mindern.

„Dies ist die erste von vielen Rettungsmaßnahmen, die notwendig sind, um die globale Nahrungsmittelkrise zu lindern und Millionen Menschen zu helfen, die weltweit von Hunger bedroht sind“, sagte Marysia Zapasnik, Länderdirektorin von IRC in der Ukraine. „Die internationale Gemeinschaft muss sicherstellen, dass regelmäßige und planbare Nahrungsmittellieferungen die Hungernden erreichen und ukrainische Landwirte in der Lage sind, Ernten sicher einzufahren und in die Häfen zu transportieren.“

Was muss jetzt geschehen?

Ein sofortiges Ende der Gewalt in der Ukraine ist notwendig, um das Leben und die Würde der Menschen zu schützen. Die Staats- und Regierungschefs der Welt müssen dafür sorgen, dass das humanitäre Völkerrecht eingehalten wird und humanitäre Helfer*innn geschützt werden sowie Zugang zu Menschen in Not erhalten.“

Geflüchtete aus der Ukraine versammeln sich in einem Zelt am Grenzübergang Medyka in Polen.
Geflüchtete aus der Ukraine versammeln sich in einem Zelt am Grenzübergang Medyka in Polen.
Foto: Francesco Pistilli für IRCX

Die Weltgemeinschaft muss weiterhin sowohl geflüchtete Menschen aus der Ukraine, als auch Millionen Geflüchtete und Vertriebene weltweit unterstützen. Während die Menschen, die aus der Ukraine geflohen sind, zu Recht weltweit Unterstützung erfahren, dürfen Menschen, die in anderen Regionen der Welt vor Konflikten und Krisen fliehen nicht vergessen werden – sei es in Afghanistan, Äthiopien, der Demokratischen Republik Kongo, Jemen oder Syrien.

Im Kampf gegen den Hunger in Ostafrika und anderen Regionen muss die internationale Gebergemeinschaft dringend Mittel für Helfende vor Ort bereitstellen, damit sie die notleidenden Menschen mit Nahrungsmitteln, Bargeld aber auch sauberem Trinkwasser und medizinischer Versorgung erreichen können.

Wie hilft IRC?

Die Arbeit von IRC in der Ukraine

In der Ukraine konzentriert IRC die Nothilfe auf Gebiete, die am stärksten vom Konflikt betroffen sind. Gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen vor Ort hilft IRC mit folgenden Maßnahmen:

Verteilung von IRC-Hilfsguetern
Seit Februar 2022 leistet IRC Nothilfe in Polen und der Ukraine und arbeitet direkt mit lokalen Partnerorganisationen zusammen, um die Bedürftigsten zu erreichen.
Foto: IRC

Die Arbeit von IRC in Polen

Erfahren Sie mehr über die Nothilfe von IRC in der Ukraine und in Polen.

Wie kann ich in der Ukraine helfen?

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