Abrao aus Guinea-Bissau träumte davon, Fußballprofi zu werden. Sein Vater, ein Landwirt, der politisch sehr engagiert war, unterstützte ihn und schickte seinen Sohn nach Ingoré im Nordwesten Guinea-Bissaus in eine Fußballschule. Von dort aus nahm Abrao in Agnak, einem kleinen Ort in Senegal nahe an der Grenze zu Guinea-Bissau, an größeren Turnieren teil. 2011 wurden seine Eltern und die 9-jährige Schwester erschossen. „Ich war 14 Jahre alt und auf einem Turnier in Senegal. Ganz allein. Ein Freund kam und überbrachte mir die Nachricht.“ Die Lage in Guinea-Bissau war politisch sehr instabil. Drei Jahre zuvor wurde der damalige Präsident Guinea-Bissaus ermordet – kurz vorher der Generalstabschef. Seitdem gab es weitere politisch motivierte Gewalttaten – viele sind bis heute nicht aufgeklärt worden. 

Seit 2015 lebt Abrao in Halle (Saale).
Foto: David Debrah/IRC

Abrao flüchtete über die zentrale Mittelmeerroute Richtung Europa. Nach vier Jahren kam er im März 2015 in Halle (Saale) an. Dort wurde der gerade 18 Jahre alt gewordene Abrao zunächst in eine Flüchtlingsunterkunft geschickt. „An einem Sonntag habe ich Kirchenglocken gehört und bin aus meinem Bett gesprungen. Ich rannte zu meinem Fahrrad und folgte dem Klang bis ich bei der Luthergemeinde ankam. Dort habe ich viele Leute kennengelernt, die mir sehr geholfen haben“, erzählt Abrao. 

Abrao machte es sich zum Ziel, in Deutschland ein neues Leben aufzubauen. Er besuchte Sprachkurse mit dem Ziel eine Arbeit zu finden, freundete sich mit seinen Nachbarn an und trat in einen Fußballverein ein.

Es ging schließlich bergauf. Sein jetziger Chef, Thomas Jacobs, Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens in Halle (Saale), übernahm ihn in die 11-monatige Einstiegsqualifizierung. Im September 2018 begann Abrao dann mit seiner Ausbildung zum Metallbauer. „Ich kannte Abrao aus der Kirche. Deshalb besuchte ich ihn im Bildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Halle. Dort bin ich in der Gesellenprüfungskommission der Metallbauer“, erklärt Thomas Jacobs. „Abrao machte damals ein Praktikum. Seine angenehme und freundliche Art hat mir immer schon gefallen. Daher habe ich mich nach seinen Fähigkeiten und Interessen erkundet. Nach einem Probeeinsatz in unserem Betrieb begann er dann 2018 mit seiner Ausbildung“, so Thomas Jacobs. Und Abrao ergänzt: „Wir stellen Maschinen für die Saatgutreinigung her. Die Arbeit macht mir großen Spaß und ich bin froh so einen herzlichen Chef zu haben.“

Junger Metallbauer beim Zuschneiden
Lehrgänge im Bildungs- und Technologiezentrum der Handwerkskammer Halle sind fester Bestandteil von Abraos Ausbildung.
Foto: David Debrah/IRC

Im nun dritten Ausbildungsjahr ist Abraos Personalakte deutlich dicker als die eines Kollegen, der schon 30 Jahre lang zum Betrieb gehört. „Die Behördengänge, der Erhalt einer Arbeitsgenehmigung bis hin zur Unterzeichnung des Ausbildungsvertrags, das ist sehr schwierig. Zum Glück haben wir viel Unterstützung von unserer Handwerkskammer bekommen. Wenn die jungen Leute mit Migrationshintergrund dann im Betrieb sind, dann sieht man auch Erfolge. Abrao hat zum Beispiel auf einer Ausbildungsmesse unsere Standbetreuung übernommen und anderen Jugendlichen den Beruf des Metallbauers vorgestellt. Da sehen dann auch meine Berufskollegen, dass Integration funktioniert,” erklärt Thomas Jacobs. Und dies sei wichtig – gerade im Handwerk. Hier herrsche ein akuter Fachkräftemangel, so Jacobs, und der könne durch erfolgreiche Integration von Neuzugewanderten gelöst werden. 

Auszubildender Abrao und sein Chef Herr Jacobs
2018 begann Abrao mit seiner Ausbildung im Betrieb von Thomas Jacobs.
Foto: David Debrah/IRC

Fünf Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland ist Abrao davon überzeugt, dass er seine Ziele erreichen kann. „Ich wollte zur Schule gehen und arbeiten. Das habe ich geschafft. Jetzt muss ich immer nur einen Schritt weitergehen.” Auch Thomas Jacobs findet, dass Integration in Deutschland gelingen kann, wenn bürokratische Hürden abgebaut werden: „Ich als Christ habe das Verhalten von Frau Merkel in dieser Sache immer unterstützt. Mit der Ausbildung von Abrao habe ich versucht, meinen Anteil dazu beizutragen. Es ist wie überall im Leben: Es werden wahrscheinlich Fehler gemacht, aber aus den Fehlern kann man lernen. Und wer keine Fehler macht, kommt auch nicht weiter. Ich bin der Meinung, mit Abrao sind wir auf einem guten Weg. Er wird es schaffen.“

Nur einen Herzenswunsch hat sich Abrao noch nicht erfüllt: „Ich wollte gerne Profi-Fußballer werden. Jetzt geht erstmal die Ausbildung vor. Viellleicht kann ich danach wieder mehr trainieren.“