Im August 2015 hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Pressekonferenz, in der sie die Herausforderungen diskutierte, die mit der Ankunft von fast einer Million Asylbewerber*innen in Deutschland verbunden sind. Hunderttausende Menschen kamen damals über das Mittelmeer und entlang der Balkanroute nach Europa. In diesem Kontext sagte Merkel: „Deutschland ist ein starkes Land. Wir haben so vieles geschafft. Wir schaffen das!“ 

Einer von ihnen war Mohammed aus Afghanistan. Inzwischen ist er 28 Jahre alt, macht eine Ausbildung zum Altenpfleger in Halle (Saale), ist Vater einer kleinen Tochter und spielt für den Verein BSV Halle Ammendorf. 

Portrait Mohammed in der Hocke
„Ich habe alle meine Freunde über den Fußball kennengelernt“, sagt Mohammed.
Foto: David Debrah/IRC

„Fußball ist für mich wie ein Arzt“, erklärt Mohammed, „Ich habe schon in meiner Heimat gespielt. Die ersten zwei Jahre in Deutschland waren sehr schwierig – und langweilig. Ich durfte nicht zur Schule gehen. Dann lud mich ein Freund zum Fußballspielen ein. Der Sport hat mir geholfen auch psychisch. Als ich in Flüchtlingsheimen wohnte fühlte ich mich alleine. Wir mussten fünfmal das Heim wechseln.” Auch jetzt sei es noch so: „Wenn ich Zuhause oder auf der Arbeit Stress habe, dann bringe ich den hierhin. Dann lachen wir zusammen und ich gehe wieder befreit vom Platz.“

Vater mit kleiner Tochter auf dem Spielplatz
Mohammed: „Ich komme mit den Leuten hier gut zurecht, mit meinem Arbeitgeber und den Menschen, die ich im Altenheim pflege. Ich bin jetzt richtig zufrieden.“
Foto: David Debrah/IRC

„Es ist ein bisschen wie Familie hier“, erklärt Mannschaftsbetreuer Mario Bär. Mohammed stimmt ihm zu: „Auch außerhalb des Trainings unternehmen wir viel zusammen. Als Mannschaft unternehmen wir mehrmals im Jahr abends etwas zusammen. Tradition hat unser Wintertrainingslager oder der vereinsinterne Weihnachtsmarkt. Hier sind dann alle gefordert – das schweißt zusammen! Auch beim Vorbereiten solcher Veranstaltungen packen alle mit an. Fußball ist ein Teamsport und wenn wir nicht zusammenspielen, können wir auch nicht gewinnen. Das ist in allen anderen Lebenslagen auch so.“

Sport kann und ist eine sehr gute Möglichkeit andere Menschen zu integrieren bei uns.“ - Mario Bär

„Seit fünf Jahren haben wir in jeder Saison zwei bis drei Spieler mit Fluchthintergrund aufgenommen. Die Herkunft spielt bei uns keine Rolle. Wichtig ist nur die Begeisterung für den Fußball“, sagt Mario Bär. Der 44-jährige Versicherungsfachmann findet, dass beim Sport, Menschen gut integriert werden können. Und Fußball eigne sich als Breitensport besonders dafür. 

„Frau Merkels ‚Wir schaffen das‘ haben wir uns nicht auf die Fahnen geschrieben. Für uns war es wichtig, dass wir uns als Mannschaft weiterentwickeln. Die neu dazugekommenen Spieler haben sehr gute Grundfähigkeiten. Es liegt an uns, ihre Talente in die Mannschaft mit einzuarbeiten. Das gelingt nicht bei allen, aber bei vielen. Manche haben wir gut integriert und sie spielen jetzt in anderen Vereinen. Trotzdem treffen wir uns noch privat und darum geht es am Ende. Wir sehen Integration nicht als Aufgabe, Auftrag oder Ballast. Wir haben eine Mischung, die sehr gut funktioniert und es macht uns allen viel Spaß.” 

In Afghanistan hatte Mohammed schon drei Semester Elektrotechnik studiert. In Deutschland angekommen wollte er sich zunächst für Sportwissenschaft einschreiben. „Aber die deutsche Sprache war zu schwierig. Daher habe ich mich entschieden eine Ausbildung zu machen.“ Mohammeds Mutter arbeitete in der Pflege. Er kannte den Beruf daher schon. „Ich wusste, dass ich es kann. Es gefällt mir auch, mit Leuten zu reden.“ 

Gruppenbild der Fußballspieler der BSV Halle Ammendorf
„Als Verein macht uns die Integration von Geflüchteten ein bisschen Arbeit, aber vor allem kommt neuer Wind und neuer Pep bei uns rein. Man muss sich ständig mit seiner Sprache weiterentwickeln. Die Jungs bringen ihre eigenen Kulturen mit. Es vermischt sich irgendwo ein Stückchen“, so Mannschaftsbetreuer Mario Bär vom BSV Halle Ammendorf.
Foto: BSV Halle Ammendorf

Das duale Ausbildungssystem in Deutschland gefällt Mohammed gut. „Ich gehe einen Monat zur Schule und ein Monat lang ist Praxisphase. Dadurch kann man gleich anwenden, was man gelernt hat und merkt sich Neues besser. Mit seinem Azubigehalt eine Wohnung zu bezahlen, findet er jedoch schwierig. Was Mohammed noch zu schaffen macht, sind Behördengänge. Oft bekommt er Briefe, die selbst für seine muttersprachlichen Freund*innen nicht verständlich sind. „Das ist schwer für uns, wenn wir mit einem Brief drei Tage rumlaufen müssen, bis wir jemanden finden, der uns erklären kann, was drinnen steht. Dadurch verpassen wir oft die einwöchige Antwortfrist und bekommen dann einen Strafbrief. Das ist uns peinlich.“ 

Vater mit kleinem Kind beim Spazieren
Mohammed mit seiner Tochter beim Spaziergang in Halle (Saale)
Foto: David Debrah/IRC

Und dennoch: hat er, Mohammed, es geschafft? Hat er seinen Platz gefunden?  „Deutschland hat sich viel Mühe gegeben, damit wir auch ein gutes Leben in Sicherheit führen können,” erklärt Mohammed. Er sei dankbar für die Chance, die er erhalten hat. Genauso wichtig jedoch – er hat sie auch genutzt, sich angestrengt und die Sprache gelernt – und das hat nicht nur er getan: „Auch die Menschen, die hierher geflüchtet sind, versuchen etwas zu schaffen.“ 

Mohammed schätzt sich glücklich. „Ich komme mit den Leuten hier gut zurecht, mit meinem Arbeitgeber und den Menschen, die ich im Altenheim pflege. Ich bin jetzt richtig zufrieden.“ Er wünscht sich jedoch, dass auch Menschen ohne Aufenthaltstitel eine Chance bekommen. „Viele dürfen nicht zur Schule gehen und haben keine Arbeitserlaubnis. Sie bleiben lange Zuhause und bekommen psychische Probleme. Es wäre gut, wenn auch sie eine Möglichkeit zum Sprache lernen und Arbeiten hätten.”