Während meiner Reise nach Konzo bat mich der Leiter der lokalen Landwirtschaftsbehörde darum, auf die Situation vor Ort aufmerksam zu machen. In Äthiopien sind 20 Millionen Menschen von Hunger bedroht. Als Geschäftsführer von IRC Deutschland appelliere ich: Jetzt ist die Zeit, für Klimagerechtigkeit auf die Straße zu gehen. Die Menschen in Südäthiopien haben keine Zeit mehr. 

Wir müssen unserer Verantwortung gerecht werden

Während meiner Reise nach Südäthiopien bat mich der Leiter der lokalen Landwirtschaftsbehörde in Konzo darum, auf die Situation vor Ort aufmerksam zu machen. In einem Bergdorf in Konzo schaute ich mir das traditionelles Bewässerungsverfahren und im Terassenbau angelegte Felder an. Die Gemeindemitglieder haben sich auf die Dürre vorbereitet. Ihr ausgeklügeltes Kanalsystem ist bestmöglich an die herrschenden Bedingungen angepasst. Nur bleibt es ohne Regen staubig und trocken. So lässt sich keine Ernte erzielen. Die Gespräche, die ich vor Ort führte, haben gemischte Gefühle hinterlassen. Einerseits macht mir der Aktionismus der Bevölkerung inklusive unserer Mitarbeitenden Hoffnung: IRC ist seit 20 Jahren vor Ort. Erst kürzlich ist es uns gelungen, Äthiopien durch eine Aufstockung in das vom Auswärtigen Amt finanzierte regionale Afrikaprojekt aufzunehmen. Das macht mir Hoffnung. 

Als Geschäftsführer von IRC Deutschland appelliere ich: Jetzt ist die Zeit, für Klimagerechtigkeit auf die Straße zu gehen. - Ralph Achenbach

Andererseits spüre ich großes Unbehagen. Äthiopien produziert gerade mal 0,05 % der globalen CO2-Emissionen. Deutschlands Emissionen sind 35 Mal höher. Auch wir spüren den Klimawandel in meinem Zuhause in Nordrheinwestfalen – und zu den damit verbundenen Sorgen mischt sich bei mir Wut und Scham über fehlende Klimagerechtigkeit. Eine Mutter mit kleiner Tochter in Südäthiopien erzählte mir, dass sie nur noch die vertrockneten Blätter oder die Samen der umliegenden Büsche zum Essen haben. In einem Dorf mit 220 Familien sind bereits 20 Bewohner*innen der Hungerkrise zum Opfer gefallen. Zwar hatte ich mich vor meiner Abreise gründlich informiert und die Statistiken der IPC-Klassifikation für akute Ernährungsunsicherheit studiert. Doch nichts hätte mich angemessen auf die Realität vorbereiten können.

Mehr Hilfe wird benötigt: Unter den Gebern herrscht ein Gefühl der Hilflosigkeit oder sogar Frustration darüber, dass angesichts anderer globaler und regionaler Notsituationen und in Ermangelung umfassender Daten über die Region keine zusätzlichen Mittel bereitgestellt werden konnten.
Foto: Mihiret Fekadu/IRC

Klimawandel heizt bestehende Krisen auf

Südäthiopien ist ein trauriges „Paradebeispiel“ dafür, wie Klimakrise und Konflikte zu einer humanitären Katastrophe führen können: Seit drei Jahren hat es dort nicht mehr ausreichend geregnet. Gewalttätige Auseinandersetzungen innerhalb der Region und zwischen den Gemeinden haben viele Menschen aus ihren Häusern und von ihrem Ackerland vertrieben. Infolgedessen ist Konzo in einigen Teilen von niedergebrannten Häusern und Schulen, in anderen von Lagern für Binnenvertriebene und überall von kargen Feldern mit vertrockneten Pflanzen geprägt, die keine Früchte und keine Ernte tragen. 

Die Flussbetten sind völlig ausgetrocknet. Der Oberboden zerbröselt unter den Fingern wie Staub. Das Vieh stirbt oder muss verkauft werden. Die Familien wissen nicht, woher ihre nächste Mahlzeit kommen wird oder ob es überhaupt eine gibt.
Foto: Mihiret Fekadu/IRC

Um Wasser zu holen, laufen die Menschen bis zu vier Stunden. Frauen und Mädchen sind dabei besonders von Gewalt bedroht. Auch die Wartezeiten an den wenigen verbliebenen Wasserquellen betragen mehrere Stunden. Oft sind diese verunreinigt, da die verbliebenen Haus- und auch Wildtiere sie mitbenutzen.

Schwere gesundheitliche Probleme sind an der Tagesordnung: Sowohl die mobilen Gesundheitsteams von IRC als auch die von IRC unterstützten Kliniken berichten von einer starken Zunahme der Unterernährung, insbesondere bei Kleinkindern. Letztere hat sich innerhalb weniger Monate verdoppelt hat. Kinder im schulpflichtigen Alter sind nicht in der Lage, zu lernen. Sie haben keine Kraft und müssen dennoch ihren Familien helfen, Wasser oder Nahrung zu finden. In einer Schule mit normalerweise 700 Schüler*innen sind nur noch 200 übrig geblieben.  

Wirtschaftskrise beeinträchtigt körperliche und mentale Gesundheit

Die Inflationsrate liegt landesweit bei 35 %. In Südäthiopien haben sich die Preise für Treibstoff und Grundnahrungsmittel allein im letzten Quartal verdreifacht. Dies gefährdet nicht nur die Existenz von Landwirt*innen. Ein lokaler Regierungsangestellter mit regelmäßigem Monatsgehalt berichtete mir von der Herausforderung, sich ausreichend Lebensmittel leisten zu können. In einer anderen Siedlung berichteten die Bewohner*innen, dass die Situation auch ihre psychische Gesundheit beeinträchtigt: einige ertragen den körperlichen Schmerz des Hungers oder die psychische Belastung, ihre Familien nicht versorgen zu können, nicht und nehmen sich das Leben. 

IRC ist in Äthiopien vor Ort - von Hygieneprogrammen über Notunterkünfte bis hin zur Gesundheitsversorgung und Bildungsangeboten. Aber der Bedarf übersteigt bei weitem die zur Verfügung stehenden Mittel. Es ist klar, dass mehr Mittel benötigt werden - und zwar dringend -, um Nothilfe zu starten.
Foto: Mihiret Fekadu/IRC

Solidarität für eine vergessene Krise

Die Region Konzo in Südäthiopien ist ein Beispiel für eine „vergessene Krise“, die außerhalb des betroffenen Gebiets kaum Beachtung findet. Alle Augen sind entweder auf den Krieg in der Ukraine oder - falls Äthiopien überhaupt Beachtung findet - auf die nördlichen Teile des Landes und den Konflikt in Tigray gerichtet. 

Äthiopien ist zwar eine der am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften der Welt, aber auch eines der ärmsten Länder der Welt. Dennoch beherbergt es rund 800.000 Geflüchtete und Asylsuchende: Das Land verfolgt eine Politik der offenen Tür für Geflüchtete und gewährt denjenigen, die im Hoheitsgebiet Asyl suchen, humanitären Zugang und Schutz. An dieser Solidarität sollten wir uns ein Beispiel nehmen. Es besteht noch die Chance, eine totale Katastrophe abzuwenden - dafür muss dringend und jetzt gehandelt werden. Kurzfristig müssen wir mit mehr finanzieller Unterstützung Überleben sichern, langfristig müssen wir politische Lösungen für die Klimakrise umsetzen.

Beitrag von Ralph Achenbach, Geschäftsführer IRC Deutschland