Dieser Artikel berichtet u.a. über Missbrauch

Anfang März öffnete die Türkei ihre Grenzen und ermöglichte Geflüchteten weiter nach Europa zu gelangen – vor allem über das Mittelmeer. Das Ziel: Die griechischen Inseln.

Alle kommen mit ihrer eigenen Geschichte, aber auch persönlichen Hoffnungen für eine bessere Zukunft. So auch Audrey.

Audrey erinnert sich noch an die Überfahrt von der Türkei nach Lesbos. Es war die letzte Etappe einer langen, beschwerlichen Reise aus ihrer Heimat Kamerun. Sie war schwanger und bereits sieben Tage zu Fuß unterwegs, um die türkische Küste zu erreichen.

Die Hoffnung, dass ihre ungeborene Tochter bald in Sicherheit sein würde, motivierte Audrey. Doch als sie in das Bot steigen sollte, das sie nach Europa bringen sollte, hatte sie vor allem eins: Angst. „Ich beschloss, nicht auf das Meer zu schauen. Ich stellte mir nur vor, dass ich einen kleinen Fluss in Afrika überquere“, erklärt Audrey.

Audrey floh von kamerun nach griechenland und schaut dort aufs Meer
Audrey schaut von Lesbos, Griechenland, aufs Meer hinaus.
Foto: Euan Robinson/IRC

Als sie den Strand von Lesbos betrat, war sie erleichtert. Sie hatte es geschafft. Doch wofür? Wenige Tage später erhielt sie eine verheerende Nachricht. Sie hatte ihr Baby verloren.

„Ich sagte den Ärzten, dass ich alles für mein Baby getan habe. Ich wollte mein Baby retten. Ich dachte, dies wäre das Ende, erinnerte mich an alles, was ich bereits verloren habe. Diese Reise habe ich nur für mein Kind gemacht.”

Ich sagte den Ärzten, dass ich alles für mein Baby getan habe. Ich wollte mein Baby retten.

Audrey wurde in Kamerun in eine liebevolle Familie geboren. Ihr Vater arbeitete als Übersetzer für das Büro des Präsidenten und ihre Mutter war Beamtin.

„Meine Eltern schenkten mir viel Liebe. Ich war ihr einziges Kind. Doch als ich zehn war, starb mein Vater. Danach ging es bergab. Zwei Jahre später starb dann auch meine Mutter. Sie konnte den Tod meines Vaters nicht ertragen und erlitt einen Herzinfarkt.“

Audrey hatte niemanden mehr, der sie unterstützte. Statt dessen brachten sie andere Familienmitglieder um ihr Erbe. Als Teenagerin lebte sie allein – und auf der Straße.

Mit 18 Jahren lernte sie dann einen Mann kennen. Sie begannen eine Beziehung. Audrey zog bei ihm ein.

„Die ersten Monate waren großartig. Aber dann begann er, mich zu schlagen. Er sagte immer: ‚Du bist ein armes Waisenkind. Ich hatte Mitleid mit dir. Wenn du nicht tust, was ich dir befehle, werfe ich dich raus “, erinnert sich Audrey.

Ein Freund ermutigte sie, den Missbrauch bei der Polizei zu melden. „Ich hatte den Mut zu sagen: ‚Wenn du mir noch einmal wehtust, gehe ich zur Polizei, sagt Audrey. „Am Tag danach kam er mit seinem Freund, ein Polizist. Dann nahm er seine Waffe und richtete sie auf mich. Vor den Augen seines Freundes sagte er: Wenn du zur Polizei gehst, kriegst Du die Kugel. Also sagte ich nichts.“

Als Audrey heraus fand, dass sie schwanger war, wurden die Schläge unerträglich. Der Mann drohte ihr: Sollte das Kind ein Mädchen sein, würde er es beschneiden – die Genitalien verstümmeln lassen.

In Sorge um ihre Tochter und  sich selbst rief Audrey einen Freund an. Er besorgte ihr gefälschte Dokumente und Geld. Audrey konnte fliehen.

In Istanbul angekommen bekam Audrey Probleme: Pass und Geld wurden gestohlen. Und: Sie begann zu bluten. Eine Behandlung im örtlichen Krankenhaus? Nicht möglich ohne Papiere.

Flüchtlinge sitzen an einer Mauer am Hafen in Lesbos
Geflüchtete warten am Hafen von Lesbos, Griechenland, und haben die gefährliche Fahrt über das Mittelmeer auf sich genommen, um dorthin zu gelangen.
Foto: Milos Bicanski/IRC

Trotzdem sammelte Audrey Geld für die Weiterreise nach Lesbos. Was das bedeutet? Das würden viele nicht wissen, sagt Audrey. „Ein Mann kam in Anzug und mit Koffer. Er dachte, er hätte einen Flug gebucht. Er konnte nicht glauben, soviel Geld für eine so gefährliche Reise bezahlt zu haben. 

Als Audrey in Griechenland ankam, wurde sie nach Moria gebracht. Im Empfangszentrum, das für 3.000 Personen angelegt wurde, lebten schon über 20.000 Menschen.

Mädchen läuft mit Eimer durch Flüchtlingslager in Griechenland
Ein Mädchen läuft durch Moria. Die starke Überbevölkerung hat zu gefährlichen Zuständen geführt.
Foto: Milos Bicanski/IRC

Viele Menschen haben psychische Probleme - nicht nur wegen traumatischer Erfahrungen. Es mangelt den Menschen im Lager auch an Unterstützung und: Sie stehen vor einer ungewissen Zukunft.

„Ich konnte nicht schlafen. Ich wachte nachts auf und weinte. Ich weinte eigentlich die ganze Zeit, war verzweifelt. Andere hatten Mitleid. Ein Arzt machte sich Sorgen. Ich war erschöpft. Ich dachte sogar an Selbstmord.“

Die Ärzte überwiesen Audrey zur psychologischen Einzeltherapie an das International Rescue Committee.

 „Als ich das erste Mal ins Zentrum ging, bot mir der Psychologe ein Glas Wasser an. Ich  brach in Tränen aus. So eine Aufmerksamkeit zu bekommen, hat mich wirklich, wirklich berührt.“

Reden ist eine unglaubliche Therapie

„Reden ist eine unglaubliche Therapie. Die Aufmerksamkeit, die mir geschenkt wurde, hat mich ermutigt, weiterzumachen. Es ist ein Ort, an dem ich reden und mein Herz öffnen kann. Man spricht und wird gleichzeitig geheilt.“

„Andere bemerkten, dass sich meine psychische Gesundheit besserte. Es hat mich zutiefst berührt, dass die Menschen, insbesondere Geflüchtete, meine Fortschritte sehen konnten. Nach drei Monaten habe ich mich vollkommen verändert. Es war wie ein Wunder.“

Audrey hat es nun von Moria nach Athen geschafft, wo sie an einem IRC-Programm für Arbeitsmarktintegration teilnimmt. Sie hofft auf einen Job, in dem sie mit jungen Kindern arbeiten kann und ist entschlossen, ihr Leben in Griechenland wieder aufzubauen.

*Die Namen wurden zum Schutz der Privatsphäre geändert.

IRC in Griechenland

International Rescue Committee bietet Flüchtlingen in Moria unter anderem psychologische Unterstützung an. Erfahre Sie mehr über unsere Arbeit in Griechenland.